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Kommunismus-Debatte : In Theorie und Praxis

Die Kommunismus-Debatte entzündete sich an einem Text aus der Feder der Linkspartei-Vorsitzenden Gesine Lötzsch Bild: dpa

Die „K-Debatte“ hat sich an einem Satz entzündet, in dem das Wort „Kommunismus“ ohne Scham ausgeschrieben ist. Dabei wussten schon Marx und Engels, dass Kommunismus ohne Gewalt nicht geht. Denn Menschen sind nicht nur nicht gleich - sie wollen auch gar nicht gleich sein.

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          Die K-Debatte, wie sie jetzt heißt, macht den Kommunismus zum Un-Wort, zum Unaussprechlichen: Nach den Verbrechen, die Menschen in seinem Namen begangen haben, nach dem Massenmorden, das sprachlos macht, ist es für die meisten Politiker unsäglich, heute noch Wege zum Kommunismus suchen. Nicht so sehr, weil er für sich genommen diskreditiert wäre, sondern vielmehr, weil „in seinem Namen“ so viel Schreckliches geschehen sei, dass man nicht mehr dahinter zurück könne, sagen sie.

          Ein bisschen cool soll es natürlich außerdem klingen, das K-Wort, so wie bei der K-Frage damals, als „K“ noch für „Kanzler-Kandidat“ stand; schließlich muss der Name der Debatte auch untermalen, dass es in der Diskussion eigentlich gar nicht um diesen Staub von gestern oder vorgestern geht. Nicht um Dinge, die im 19. Jahrhundert gedacht und im 20. Jahrhundert getan wurden, sondern um etwas Aktuelles, Politisches – zum Beispiel darum, ob der Verfassungsschutz die Linkspartei beobachten soll, und darum, dass diese Partei in den nächsten Monaten in mehrere Landtage gewählt werden möchte.

          Entzündet hat sich die Debatte an einem Satz, in dem das Wort „Kommunismus“ ohne Scham ausgeschrieben ist. Die Linke-Parteichefin Gesine Lötzsch schlug Anfang des Jahres in der „Jungen Welt“ vor, ein bisschen zu experimentieren: „Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung.“

          Wenn einer Positives am Kommunismus findet, obwohl es die stalinistische Vernichtung, den Terror, die Millionen Toten gab, von denen im „Kommunistischen Manifest“ nichts steht, dann lobt er nach verbreiteter Meinung die Ideologie trotz der Politik, die aus dieser Ideologie folgte, aber nicht unbedingt hätte folgen müssen. Als hätte der Kommunismus möglicherweise sogar einen guten Kern, was aber angesichts des stalinistischen Terrors nicht interessieren dürfe. Als könnte man zwischen Theorie und Praxis trennen, als wäre das Verbrechen nicht schon in der Theorie selbst angelegt.

          Menschen sind verschieden, nicht gleich

          Der Kommunismus sagt: Die Gleichheit ist das oberste Prinzip. Menschen sind aber verschieden, nicht gleich. Um einen kommunistischen Staat zu schaffen, muss man nicht nur vielen Menschen ihren Besitz nehmen, sondern man muss auch ihren Charakter ändern, muss ihn vielleicht sogar brechen, muss den Menschen den Glauben austreiben und ihre unterschiedlichen Fähigkeiten erst recht. Denn Menschen sind nicht nur nicht gleich, viele, wahrscheinlich die meisten, wollen auch gar nicht gleich sein. Marx und Engels wussten, dass Kommunismus ohne Gewalt nicht geht. Wie sonst hätte das Proletariat sich ihrer Meinung nach von der Bourgeoisie befreien können, wenn nicht, indem die „Ausbeuter“ und „Unterdrücker“ enteignet, eingeschüchtert, eingesperrt, vertrieben oder getötet würden? Schon die Wege zum Kommunismus sind verbrecherisch – und nicht erst irgendwelche Pfade, die Menschen später „in seinem Namen“ beschritten haben.

          Kommunistische Kämpfer könnten natürlich auf diesen Aufkleber-Spruch „Per aspera ad astra“ verweisen: Am Ende der harten Zeiten warteten immerhin die Sterne, angeblich für alle. Auch die Verfasser des Kommunistischen Manifests haben behauptet, dass die ganze Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen sei, an deren Ende dann die befreite Gesellschaft stünde. Wie aber sähe diese Gesellschaft aus? Alles gehörte allen, alle hätten dieselben Pflichten. Jeder müsste womöglich alle Aufgaben beherrschen und ausführen, vielleicht im Rotationsprinzip, und er würde gezwungen, es sich abzutrainieren, manches lieber zu tun als anderes. Was er besonders gut könnte, müsste er schlechter machen, damit keine Ungleichheit entstünde.

          Bald wären einige der Gleichen gleicher

          Nichts würde funktionieren, weil nichts voranginge: Der Kuchen, den diese Gesellschaft backte, wäre sehr klein, und die exakt gleich großen Stücke, die es zu verteilen gäbe, wären mini. Das ist das Argument der Kapitalisten: Dass demokratische Gesellschaften Nicht-Gleicher so große Kuchen backten, dass selbst das kleinste der ungleichen Kuchenstücke noch viel größer wäre als die kommunistischen Mini-Stücke. Wer nicht allzu kapitalistisch veranlagt ist, würde es für das Himmelreich auf Erden, diese utopische Gesellschaft, vielleicht in Kauf nehmen, immer nur Mini-Kuchenstücke zu essen. Aber was wäre das für ein Himmel, in dem man sich zum Beispiel dauernd Backrezepte ausdenken muss, obwohl man doch viel lieber Teig rührt – oder umgekehrt?

          Damit nicht genug. Bald wären, wie es George Orwell in „Farm der Tiere“ beschreibt, einige der Gleichen gleicher: Irgendjemand muss das mit dem Denken und Rühren schließlich kontrollieren, weil Menschen so sind, wie sie sind. Im Himmel, zumindest glauben das die Christen, ist man frei, und Aufseher, die überwachen und strafen, gibt es da auch nicht. Sonst wäre es die Hölle.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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