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Kommentar : Die alten Männer des Hauses Saud

Zur Beerdigung von König Abdullah kommen viele Familienmitglieder. Bild: Reuters

Der Übergang in Saudi Arabien verläuft völlig problemlos. Der neue König Salman wird den Kurs seines Vorgängers Abdullah beibehalten und rigoros gegen den Terror vorgehen. Reformen im Inneren bleiben so aber auf der Strecke.

          Verlässlich geräuschlos vollzog sich in Saudi-Arabien am Freitag der Übergang von einem König zum nächsten. Kronprinz Salman bestieg Stunden nach dem Tod von König Abdullah den Thron, der neue Kronprinz stand bereits fest, der übernächste König wurde designiert. An der Politik Saudi-Arabiens wird sich auch unter dieser Konstellation nicht viel ändern. Denn Saudi-Arabien ist ein Land der großen Konstanten. Zu ihnen zählt, dass kein Land die Entwicklung des Islam prägt wie das Königreich, und dass allein Saudi-Arabien, wo ein Fünftel der bekannten Ölvorkommen liegt, die Macht hat, den Ölpreis gezielt zu verändern. Verhängnisvoll ist für die Welt geworden, dass die Saudis beides in ihrer Hand halten: den Islam und die Petrodollars. So hat das Ursprungsland des Islam seinen intoleranten Islam exportiert und damit das Monster des islamistischen Terrorismus geschaffen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Saudi-Arabien ist indes seit dem Fall des Ägypters Gamal Abd al Nasser Ende der sechziger Jahre auch die einzige Ordnungsmacht in der arabischen Welt - und als größter Ölexporteur ein wichtiger Partner in der Weltwirtschaft. Aus diesen zwei Gründen haben sich die Vereinigten Staaten und Europa entschlossen, mit diesem Land zusammenzuarbeiten, auch wenn es im Innern archaisch anmutet und rückständig ist; das Land hat das in den vergangenen Tagen durch die Auspeitschung eines jungen Bloggers bestätigt. Oft wurde das Ende der Dynastie der Al Saud vorausgesagt - zerrissen von inneren Widersprüchen und bedroht von einer reaktionären Theologenschaft.

          Gekommen ist es anders: Der ägyptische Präsident Mubarak wurde durch Massenproteste gestürzt, der syrische Machthaber Assad lebt in einer Wagenburg, und der irakische Diktator Saddam Hussein wurde von einer Invasion hinweggefegt. Die Ordnungsmacht Saudi-Arabien blieb indes über alle Jahre stabil, und daran wird sich trotz der gewaltigen Herausforderungen im Inneren und Äußeren nicht viel ändern.

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          Saudi-Arabien mag also unverändert der wichtigste arabische Akteur sein. Doch auch sein Einfluss als Ordnungsmacht ist erheblich geschrumpft. Nur im Westen, in Ägypten, ist es den Saudis gelungen, durch den Putsch gegen den verhassten Muslimbruder Mursi sich einen willigen Juniorpartner, dessen Nachfolger Sisi, zu schaffen. An den drei anderen Fronten droht jedoch Gefahr: im Süden durch den Staatszerfall des Jemen, der auch eine Folge der gescheiterten saudischen Politik ist; im Osten durch Iran, das als Schutzmacht der Schiiten die saudische Vormachtstellung in der Region herausfordert; schließlich vor allem im Norden durch den „Islamischen Staat“, dessen nächstes Ziel der Sturz des Königreichs Saudi-Arabien ist.

          Auf keine dieser Herausforderungen hat Saudi-Arabien bisher eine Antwort gefunden. Ideenlos agiert die saudische Diplomatie im Jemen, so dass Iran, das die schiitischen Houthi-Rebellen unterstützt, umgehend das Vakuum gefüllt hat; ratlos verfolgt Riad die Annäherung von Washington und Teheran, das seinen Einfluss von Bagdad über Damaskus bis Beirut konsolidiert. Unter Druck gerät das Königshaus aber vor allem durch den Terror des „Islamischen Staats“. Denn die Gerontokratie des saudischen Staats - der neue König ist 79 Jahre alt, der Außenminister seit vierzig Jahren im Amt - bietet keine zeitgemäße Vision mehr, und der „Islamische Staat“ hat den Saudis die Legitimationsbasis gestohlen, eine weltliche Herrschaft mit dem Islam abzusichern. Allein um sich von dem Terror-Modell abzugrenzen, muss das Königshaus dringend eine neue Legitimation finden.

          Der verstorbene König Abdullah hat diesen Prozess eingeleitet. Seine Nachfolger sollten nicht viel Zeit verlieren, um sich an drei Aufgaben zu bewähren: So müssen sie das seit 1744 währende Bündnis der Al Saud mit der Theologenfamilie Ibn Abd al Wahhab weiter lockern und den Bürgern mehr Rechte und mehr Mitsprache zugestehen. Zudem haben sie in den kommenden Jahren allein für die jungen Saudis mindestens vier Millionen Arbeitsplätze zu schaffen. Und sie müssen die beschämenden Privilegien der vielen tausend Prinzen beschneiden, soll nicht noch mehr Unmut in der Bevölkerung aufkommen.

          Von außen fühlt sich das Königreich von Feinden und Konflikten eingekreist; im Innern fordert die - zu einem nicht geringen Teil nicht sonderlich religiöse - Jugend ein höheres Tempo bei den Veränderungen, während die alte Generation bremst. Die Ernennung des Innenministers Muhammad Bin Nayef zum designierten übernächsten König zeigt, dass in der königlichen Familie die Sorge um die Stabilität und der Kampf gegen den Terror einen größeren Stellenwert genießen als der Wunsch, die von Abdullah angestoßenen Reformen voranzutreiben. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Muhammad Bin Nayef, der neue starke Mann, kennt beim Terror kein Pardon, und er bekämpft auch die ideologischen Grundlagen des Terrorismus. Das wird Saudi-Arabien nach innen stärken. Es wird aber den Bedeutungsverlust als Ordnungsmacht nicht auffangen.

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