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Flüchtlinge : Tröglitz ist nicht überall

Der ausgebrannte Dachstuhl der künftigen Unterkunft für Asylbewerber in Tröglitz Bild: dpa

Politiker aus Berlin oder aus den Landeshauptstädten haben gut reden. Der verkohlte Tröglitzer Dachstuhl steht auch für ausgebrannte Gemeinden. Das lässt sich nicht autoritär wegwischen. Ein Kommentar.

          Tröglitz ist nicht überall. Es ist verständlich, dass der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), das ganz anders sieht. Er will sich schützend vor sein Land stellen, dem wieder einmal droht, in die braune Soße getunkt zu werden. Das kennt er aus der Vergangenheit, wenn aus neonazistischen Umtrieben auf ganz Sachsen-Anhalt oder gleich auf ganz Ostdeutschland geschlossen wurde und nur das Nachrichtenwert hatte, was den Ossi mit Glatze und Springerstiefeln in Verbindung brachte. Deshalb stellt Haseloff „sein“ Tröglitz zu Recht in eine Reihe mit anderen Orten in ganz Deutschland, in denen Asylbewerberheime angegriffen wurden.

          Dennoch: Tröglitz ist nicht überall. Die Städte und Gemeinden, die schon Tausende von Flüchtlingen untergebracht haben und noch unterbringen wollen – sie sind überall. Es ist falsch zu behaupten, wie das jetzt getan wird, „überall“ in Deutschland seien die Schwierigkeiten, sei der Widerstand gegen die Flüchtlingspolitik so groß wie in dem kleinen Ort nahe Zeitz. Weder wird Deutschland von einer rechtsradikalen Woge erfasst noch müssen Volkskommissare ausschwärmen, um die tumbe Provinz gegen fremdenfeindliche Stimmungen zu immunisieren. Der Asylpolitik wird mit solchen Darstellungen und Argumenten ein Bärendienst erwiesen. Die Welle der Gewalt vor zwanzig Jahren, die jetzt jedermann als Abschreckung wieder vor Augen hat, ging maßgeblich auf Nachahmungstäter zurück. Will man den Flächenbrand noch einmal erleben, muss man ihn nur beharrlich herbeireden.

          Die Überzeugungsarbeit leisten Bürgermeister, Stadträte und Landräte im Übrigen schon am besten selbst – wenn sie von Bund und Land nicht alleingelassen werden und wenn es nicht gerade solche von der NPD sind. Damit es davon in Zukunft nicht noch mehr gibt, sollte auch Widerstand von berufener Seite gegen Überforderung und „zu viele“ Flüchtlinge, Migranten und Asylbewerber zulässig sein und nicht sofort verbal niederkartätscht werden – gar noch aus Berlin oder aus den Landeshauptstädten, wo man bequem daherreden kann. Die Kommunen sind nicht die Befehlsempfänger der Landes- oder Bundespolitik, und deren moralische Ansprüche ersetzen nicht die kommunale Selbstverwaltung. Sollten also die Bilder vom verkohlten Tröglitzer Dachstuhl eine Bedeutung haben, dann auch die von der Gefahr alleingelassener, ausgebrannter Gemeinden in Deutschland. Sonst ist am Ende Tröglitz doch noch überall.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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