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Scheuers Fahrradhelm-Kampagne : Helm ab, Kopf an!

Auch wer einen Helm im Straßenverkehr trägt, sollte ab und an den Kopf einschalten. Bild: dpa

Für eine Unterwäsche-Kampagne zur Sicherheit von Fahrradhelmen erntet Verkehrsminister Scheuer Spott und Furor. Dabei sind einige Dinge untergegangen.

          Verkehrsminister Andreas Scheuer will, dass junge Leute einen Helm tragen, wenn sie Fahrrad fahren. Dafür hat er eine Kampagne gestartet, mit der er nach eigenem Bekunden Aufmerksamkeit erregen will. Das ist ihm gelungen. Nicht so sehr wegen der drei Ausrufezeichen: „Helme! Retten! Leben!“ Auch die Botschaft selbst ist ja wenig aufregend – der Slogan „Helme! Töten!“ hätte bestimmt mehr Interesse geweckt. Stattdessen steht „Looks like shit. But saves my life“ auf den Plakaten. Der Minister wies noch explizit darauf hin, dass der Spruch „vielleicht nicht so ganz dem üblichen Behördendeutsch“ entspricht. Ach stimmt, ist ja auch Englisch. Und ach, da steht tatsächlich „Shit“!

          Nein, das alles war nicht Grund der Aufregung. Sondern, mit wem das Ministerium bei der Kampagne zusammenarbeitet und welche Fotos gezeigt werden. Nämlich Topmodels, also keine echten, sondern Kandidatinnen aus der Show von Heidi Klum. In der Sendung selbst gab es einen dreiminütigen Beitrag über die Kampagne. Ein „Starfotograf“ lichtete die Mädchen und auch ein paar Jungs in London ab. Sie posieren in Unterwäsche auf blütenweißen Betten – und tragen dabei Fahrradhelme. Das sieht natürlich etwas ungewöhnlich aus, um nicht zu sagen: vergleichsweise sinnfrei. Also ergossen sich über den Minister Spott, feministischer Furor und die ernsthafte Frage, ob eine staatliche Behörde tatsächlich mit dem fragwürdigen Format eines Privatsenders zusammenarbeiten sollte.

          Kinder sahen aus wie Neon-Pilze

          Dabei gingen ein paar Dinge unter. Kurz zur Erinnerung: Es ging ja um Fahrradhelme und junge Menschen, die sie angeblich ablehnen. Nach einer Online-Studie in Scheuers Auftrag kam heraus, dass 70 Prozent der jungen Frauen ohne Helm die Ansicht vertreten: „Mit einem Fahrradhelm sieht man nicht gut aus.“ Denen sollte man mal Fotos aus den frühen Neunzigern zeigen, als die ersten Eltern begannen, ihre Kinder mit Helmen auszurüsten. Die Kinder sahen aus wie Neon-Pilze und wurden von den helmlosen Mitschülern ausgelacht.

          Jetzt leben wir in einer anderen Zeit. Ästhetisch sowieso: Die heutigen Helme sind ergonomisch und fallen kaum noch auf, weil so viele sie inzwischen selbstverständlich tragen. Denn auch das gehört zur Wahrheit: Während junge Erwachsene bei einer Verkehrsbeobachtung tatsächlich nur zu acht Prozent einen Fahrradhelm trugen, waren es bei allen über 30 und unter 17 deutlich mehr – bei den Sechs- bis Zehnjährigen volle 82 Prozent. Das ist erfreulich. Erstaunlich ist hingegen, dass es sogar in verkehrsberuhigten Wohnvierteln im Grunde keine Kinder mehr gibt, die ohne Helm auch nur zum Bäcker um die Ecke rollern dürfen. Wahrscheinlich werden sie vorher noch dick mit Sonnencreme eingeschmiert und bekommen eine Trinkflasche eingepackt. Von älteren Verkehrsteilnehmern, zu deren wildnistauglicher Outdoor-Ausstattung selbstverständlich auch ein Fahrradhelm gehört, und sei’s für die zehnminütige Fahrt zum Discounter, wollen wir gar nicht reden.

          Was beim Thema Helm eine überraschend geringe Rolle spielt, ist der eigene Kopf. Um den es ja geht. Ihn anzuschalten, kann wie immer im Leben nur nutzen. Vor allem denen, die täglich mit wehendem Haar hochgefährliche Strecken entlangpreschen, weil sie meinen, der Helm ruiniert die Frisur. Selber denken schadet aber auch denen nicht, die immer einen Helm aufhaben, aber jeden für einen schlechten Menschen halten, der ohne fährt.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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