https://www.faz.net/-gpf-xu9h
 

Kommentar zu Ben Alis Rücktritt : Flucht des Diktators

  • -Aktualisiert am

Auf Wiedersehen: Tunesiens Staatspräsident Zine al-Abedine Ben Ali ist geflohen Bild: REUTERS

Tunesien schreibt Geschichte. Staatspräsident Ben Ali gibt unter dem Druck der Straße auf. Es werden Erinnerungen an Teheran 1978/79 wach. Einst war Ben Ali als Hoffnungsträger angetreten. Doch in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit machte er das Land zu einem Gefängnis und einem Totenhaus.

          1 Min.

          Tunesien, das kleinste unter den drei Maghreb-Ländern, schreibt Geschichte. Seit vielen Jahrzehnten hat kein arabischer oder muslimischer Potentat freiwillig, allein unter dem Druck der Öffentlichkeit, sein Land verlassen wie jetzt Staatspräsident Zine al Abidine Ben Ali.

          Die Beruhigungszusagen, die er in einer Ansprache an sein aufrührerisches Volk gerichtet hatte, um es zu besänftigen, haben nicht verfangen. Auch danach waren die Avenue Habib Bourguiba und andere Plätze der Innenstadt von Tunis voll von Demonstranten. Ben Ali zog die Konsequenzen daraus, offenbar, weil er sich auch nicht mehr auf die Sicherheitskräfte verlassen konnte oder wollte. Ein wenig fühlt man sich angesichts dieser Bilder an Teheran 1978/79 erinnert.

          Ben Ali war einmal als Hoffnungsträger angetreten. Als er den greisen „Vater der Unabhängigkeit“ Bourguiba absetzte, hofften viele auf Besserung. In den ersten Jahren war Ben Ali auch erfolgreich. Er dämmte die Integristen ein und verhalf dem kleinen, stark vom Tourismus anhängigen Tunesien zu Stabilität und wirtschaftlichem Fortschritt.

          Doch in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit machte er das Land zu einem Gefängnis und einem Totenhaus, immer unter dem Vorwand, der radikale Islam müsse eingedämmt, der Terrorismus bekämpft werden. Das Ereignis des „11. September“ verlieh diesem Vorgehen auch bei den westlichen Regierungen eine gewisse Rechtfertigung. Man gab sich langmütig gegenüber Tunesien. Auch über die hemmungslose Bereicherung der Präsidenten-Familie sah man geflissentlich hinweg, während sich die sozialen Umstände im Land immer mehr verschlechterten.

          Neue Ungewissheit

          Nun geht Tunesien einer neuen Ungewissheit entgegen. Das Land hat, nach einer unübersehbaren Periode des Übergangs, die Möglichkeit, demokratischere Strukturen aufzubauen als bisher. Es gibt eine, teilweise auch im Ausland lebende, westlich gebildete Elite, die dabei eine Rolle spielen könnte. Ausgeschlossen ist freilich auch nicht, dass nun islamistische Kräfte, die von Ben Ali gezielt verfolgt wurden, den erfolgreichen Volkszorn ausnutzen werden, um wieder ins Spiel zu kommen.

          Auch wird man überall gespannt beobachten, ob die beschleunigten Ereignisse in Tunesien in der unmittelbaren Nachbarschaft, also Algerien, Libyen und Marokko, eine Wirkung zeigen.

          Weitere Themen

          „Hohe psychische Belastung für Erzieher“ Video-Seite öffnen

          Kitas fordern Impfpriorität : „Hohe psychische Belastung für Erzieher“

          Ein Berliner Kita-Leiter erklärt, die psychische Belastung für Erzieher und Erzieherinnen nehme zu, da der zwischenmenschliche Kontakt für Kinder wichtig sei, aber in der Pandemie mit vielen Risiken verbunden ist. Daher hofft er auf bevorzugte Impfungen in diesem Bereich.

          Topmeldungen

          Reaktion auf Vorsitzendenwahl : Wie Friedrich Merz seinen Trumpf verspielte

          Der Wunsch, Minister zu werden, kostet Friedrich Merz Unterstützung im eigenen Lager. Führende CSU-Leute üben sich bei Kommentaren zum neuen CDU-Vorsitzenden derweil in Zurückhaltung – um sich die Gunst des eigenen Chefs zu sichern.

          Vor dem Krisengipfel : Ruf nach echtem Lockdown wird lauter

          Vor dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten mehren sich Forderungen nach härteren Maßnahmen. Gesundheitsminister Jens Spahn spricht angesichts der neuen Virus-Varianten von „besorgniserregenden Meldungen“.
          Die Seiser Alm: Unter der Woche verliert sich auf dem größten Hochplateau Europas kaum eine Menschenseele. (Symbolbild)

          Nach Lockdown wieder geöffnet : Südtiroler Sonderweg

          Nach dem Lockdown über Weihnachten und Neujahr in ganz Italien hat Südtirol seit dem 7. Januar wieder „geöffnet“ und widersetzt sich dem Lockdown.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.