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Amerika-Kommentar : Wir brauchen mehr Trump-Versteher

  • -Aktualisiert am

Angespannte Gesichter: Emmanuel Macron, Angela Merkel und Donald Trump beim G-20-Gipfel in Hamburg im vergangenen Jahr Bild: AFP

Trump verfolgt zielstrebig seine außen- und handelspolitische Agenda. Wie sollen die Europäer mit ihm umgehen? Zwei Denkschulen stehen im Wettstreit miteinander.

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          Ein besorgniserregendes Anzeichen dafür, dass die ohnehin schon unübersichtliche Welt zuletzt noch unübersichtlicher geworden ist, stellt die Renaissance einer außenpolitischen Fachdisziplin dar. Im Westen hatte sich vor Jahrzehnten im Viereck aus Wissenschaft, Diplomatie, Geheimdiensten und Publizistik die Zunft der Kreml-Astrologen herausgebildet. Diese versuchten, im geschlossenen Herrschaftszentrum der Sowjetunion anhand von äußeren Kriterien interne Machtstrukturen zu entschlüsseln: Wer stand bei der Mai-Parade dichter am Generalsekretär der KPdSU als im Vorjahr? Ließ dies Vorhersagen über politische Richtungsentscheidungen oder gar über Nachfolgeregelungen zu? Damals galten die (West-)Deutschen den Amerikanern als exzellente „Russland-Versteher“.

          Heute hat dieser Begriff freilich eine zweifelhafte Bedeutung erhalten. Zudem besteht Bedarf nicht nur an Deutern des Putinschen Herrschaftssystems, sondern auch an jenen seines westlichen Pendants. Die neue Fachdisziplin, die sich in den europäischen Außenministerien und Denkfabriken etabliert, ist eine Variante der alten Kreml-Astrologie: die Trump-Psychologie. Ihre Aufgabe ist anders und doch ähnlich. Die Vereinigten Staaten sind kein geschlossenes System, sondern, immer noch, eine offene Gesellschaft. Ihre Politik ist transparent und wird demokratisch kontrolliert. Und doch legt der Präsident ein derart erratisches Verhalten an den Tag, Einblicke in sein abgründiges Seelenleben eingeschlossen, dass selbst ausgewiesene Amerika-Fachleute vor Rätseln stehen.

          Nach dem politischen „Umsturz“ in Washington hat man sich in Berlin, Paris und Brüssel ein gutes Jahr lang an eine Art Eindämmungstheorie geklammert. Krawallige „Disruption“ schien nur Inszenierung für Trumps Wählerbasis zu sein, ansonsten herrsche doch eigentlich mehr oder weniger Kontinuität. Oder nicht? Noch nach der Münchner Sicherheitskonferenz wollte man die Botschaften des sicherheitspolitischen Personals des Präsidenten so verstehen: Lasst Trump ruhig twittern – wir sind eure zuverlässigen Partner jenseits des Atlantiks! Diese Theorie darf heute als widerlegt betrachtet werden.

          Der Präsident, durch sein Umfeld angestachelt zum Widerstand gegen einen „tiefen Staat“, entledigt sich seines Wirtschaftsberaters, seines Außenministers und lässt öffentliche Debatten über eine angeblich bevorstehende Ablösung seines Sicherheitsberaters zu. Bislang beruhigende Mutmaßungen über Absprachen zwischen den „Erwachsenen“ in Trumps Regierung – sollte er einen von ihnen rausschmeißen, würden alle gehen – erweisen sich als falsch.

          Trump verfolgt zudem allen Mäßigungsprognosen zum Trotz zielstrebig seine außen- und handelspolitische Agenda: Er will den „Iran-Deal“ aufgeben und Strafzölle auf den Weg bringen. Er erklärt kurzerhand, dass nationale und ökonomische Sicherheitspolitik für ihn zwei Seiten derselben Medaille sind, mithin ein üppiges Verteidigungsbudget die Chancen erhöht, von Handelsbeschränkungen befreit zu werden.

          Die Trump-Deuter in den Regierungsapparaten europäischer Hauptstädte raufen sich die Haare. Allmählich wird ihnen klar, dass es womöglich noch schlimmer wird, bevor Besserung eintreten kann. Intern diskutieren sie derzeit über den geeigneten Umgang mit der neuen Lage – eine Lage, in der die vertrauten Ansprechpartner Rex Tillerson und Gary Cohn abhandengekommen sind. Zwei Denkschulen bilden sich: Die eine warnt davor, Trump unnötig zu provozieren. Derart herausgefordert, würde der Präsident den Konflikt nur verschärfen. Die andere argumentiert umgekehrt: So wie der selbsternannte „Dealmaker“, der sich auf die ruppigen Usancen des Immobiliengeschäfts versteht, strukturiert sei, müsse man ihm robust begegnen. Nur davor habe er letztlich Respekt. Das Ganze geht so weit, dass es sogar Debatten darüber gibt, wie zielführend Reisen nach Washington derzeit sind: Gewiss, reden sei immer gut. Aber auf keinen Fall dürfe man als Bittsteller daherkommen.

          Es ist nicht so, als gäbe es in Europa nicht auch Anlass zu Selbstkritik: Erscheinen angesichts von Trumps Protektionismus und wütender „Globalismus“-Kritik die Bedenken gegen angeblich geplante Liberalisierungen im Verbraucherschutz im TTIP-System rückblickend nicht doch kleinkariert? Wer verteidigte denn vor Kurzem noch die europäischen Handelsschranken wegen angeblich zu laxer Standards bei der amerikanischen Produktsicherheit? Und: Wäre es nicht ratsamer gewesen, die Iraner in Syrien und im Jemen in die Schranken zu weisen, anstatt unmittelbar nach dem Atomabkommen Wirtschaftsverträge mit Teheran abzuschließen? Schließlich: Hätte man nicht auf Barack Obamas Klagen über die deutsche Trittbrettfahrerei in der Nato eingehen müssen, anstatt den Zwei-Prozent-Richtwert von Wales in Frage zu stellen?

          In den Vereinigten Staaten mag Trump Produkt der Selbstradikalisierung der Republikaner und der Arroganz der Demokraten sein. In Europa ist er die Quittung für den Mangel an außenpolitischer Strategiefähigkeit.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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