https://www.faz.net/-gpf-870t4

Kommentar : Warum es Amerikaner waren

Wahre Helden gibt es wenige. Er ist einer: Spencer Stone überwältige mit bloßen Händen einen schwer bewaffneten Terroristen. Bild: Reuters

Drei Amerikaner haben unter Einsatz ihres Lebens im europäischen Thalys-Zug ein Blutbad verhindert. War es Zufall – oder ist Amerika auf die Bedrohungen durch den islamistischen Terrorismus besser vorbereitet?

          2 Min.

          Europa ist alarmiert. Wieder einmal. Nach dem vereiteltem Anschlag des Islamisten Ayoub El Khazzani in einem Thalys-Hochgeschwindigkeitszug fahren Teile Westeuropas die Sicherheitsvorkehrungen hoch. Ein typischer Reflex. Französische Sicherheitskräfte patrouillieren. Und auch Belgien und die Niederlande erwägen, ihre Polizisten mit automatischen Waffen über die Bahnsteige und durch die Züge gehen zu lassen. Dem ein- oder anderen Reisenden mag das ein Gefühl von Sicherheit geben. Anschläge verhindern lassen sich so aber nicht.

          Radikale Islamisten, die nur zu gerne den im Netz propagierten Propagandaaufrufen des „Islamischen Staats“ folgen und so viele „Ungläubige“ wie möglich töten wollen, gibt es in Europa. Teils sind es sogar kampferprobte Rückkehrer aus dem syrischen Bürgerkrieg. Doch zeigt die Geschichte islamistischer Anschläge, dass nur in den seltensten Fällen mehrere Angriffe des selben Musters aufeinander folgen.

          Terroranschläge einzelner selbsternannter Gotteskrieger sind schwer vorhersehbar und überall auf der Welt jederzeit möglich. Um das zu wissen, brauchte es nach der verheerenden Terrorkaskade dieses Jahres, für die Charlie Hebdo nur stellvertretend steht, keines Ayoub El Khazzani mehr. Allein 5000 Personen hat der französische Sicherheitsapparat im Visier. Viel zu viele, um alle gleichzeitig rund um die Uhr zu observieren. Die Lehre ist eine andere.

          Während das Zugpersonal des Thalys offenbar Reißaus nahm, sich in seinem Abteil verschanzte und die Reisenden ihrem Schicksal überließ, ergriffen drei junge amerikanische Männer die Initiative. Alek Skarlatos, Spencer Stone und Anthony Sadler rangen unter Einsatz ihres Lebens den Mann nieder, der ansonsten den Thalys in eine Todesröhre verwandelt hätte. Dass es sich bei zwei von ihnen um Soldaten handelt, von denen einer frisch aus dem Einsatz aus Afghanistan zurückgekehrt ist, ist kein Zufall. Die Bereitschaft, ihr Leben für andere zu riskieren, ist quasi Berufsvoraussetzung, auch wenn hierzulande dieser Aspekt des Soldatseins gerne verdrängt wird. Ob deutsche Fallschirmjäger oder französische Fremdenlegionäre in dem Zugabteil ähnlich gehandelt hätten? Vermutlich ja. Doch nicht immer, wenn ein Islamist sich zum Anschlag entschließt, dürften kampferprobte Soldaten in der Nähe sein.

          Frankreich : Verletzte bei Schießerei in französischem Zug

          Im Angesicht eines Terroranschlags kann sich der Einzelne auf keine staatliche Autorität mehr verlassen und muss, so er es denn kann, das Schicksal in die eigene Hand nehmen. In den Vereinigten Staaten glauben die Menschen an die eigene Wehrhaftigkeit. Das führt mitunter zu anderen Problemen. Aber am Freitag hat dieser Glaube mitten unter uns hunderten das Leben gerettet. Das sollte uns zu denken geben.

          Was folgt aus dem vereitelten Anschlag im Thalys-Schnellzug? Lesen Sie unsere Debatte in der Desktop-Version von FAZ.NET.

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Weitere Themen

          Gespräche für Hungerstreikenden nach Wahl Video-Seite öffnen

          Laschet bietet an : Gespräche für Hungerstreikenden nach Wahl

          Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) hat den Hungerstreikenden in Berlin gemeinsam mit den beiden anderen Kanzlerkandidaten ein Gespräch angeboten - allerdings erst nach der Bundestagswahl. Bei einer Wahlkundgebung in Bremen wurde Laschet immer wieder von Zwischenrufern unterbrochen.

          Topmeldungen

          Das Ziel heißt immer noch Kanzleramt: Annalena Baerbock lässt sich von den Umfragen nicht entmutigen.

          ZDF-Wahlsendung „Klartext“ : Baerbock spielt noch auf Sieg

          Mal pariert die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock geschickt, mal weicht sie aus. Und Peter Frey und Bettina Schausten unterziehen das grüne Wahlprogramm einem harten Praxistest.
          Wiedergewählt im zweiten Anlauf: Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (links) bei der Vereidigung

          Wahl Reiner Haseloffs : Acht Abweichler und wilde Spekulationen

          Schon wieder wird Sachsen-Anhalts Ministerpräsident erst im zweiten Anlauf bestätigt. In Magdeburg fragt man sich: War es ein organisierter Aufstand? Oder eine Verkettung von Einzelaktionen?
          Ohne Test oder Impfung geht in Italien bald gar nichts mehr.

          Italien prescht vor : Zur Arbeit nur noch mit Test oder Impfung

          Wer kein Zertifikat über eine Impfung oder einen Test vorweisen kann, darf in Italien vom 15. Oktober an nicht mehr zur Arbeit in Büros, Behörden, Geschäften oder der Gastronomie gehen. Und in Frankreich müssen 3000 nicht geimpfte Pflegekräfte ihren Posten räumen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.