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Kommentar : Warum es Amerikaner waren

Wahre Helden gibt es wenige. Er ist einer: Spencer Stone überwältige mit bloßen Händen einen schwer bewaffneten Terroristen. Bild: Reuters

Drei Amerikaner haben unter Einsatz ihres Lebens im europäischen Thalys-Zug ein Blutbad verhindert. War es Zufall – oder ist Amerika auf die Bedrohungen durch den islamistischen Terrorismus besser vorbereitet?

          Europa ist alarmiert. Wieder einmal. Nach dem vereiteltem Anschlag des Islamisten Ayoub El Khazzani in einem Thalys-Hochgeschwindigkeitszug fahren Teile Westeuropas die Sicherheitsvorkehrungen hoch. Ein typischer Reflex. Französische Sicherheitskräfte patrouillieren. Und auch Belgien und die Niederlande erwägen, ihre Polizisten mit automatischen Waffen über die Bahnsteige und durch die Züge gehen zu lassen. Dem ein- oder anderen Reisenden mag das ein Gefühl von Sicherheit geben. Anschläge verhindern lassen sich so aber nicht.

          Radikale Islamisten, die nur zu gerne den im Netz propagierten Propagandaaufrufen des „Islamischen Staats“ folgen und so viele „Ungläubige“ wie möglich töten wollen, gibt es in Europa. Teils sind es sogar kampferprobte Rückkehrer aus dem syrischen Bürgerkrieg. Doch zeigt die Geschichte islamistischer Anschläge, dass nur in den seltensten Fällen mehrere Angriffe des selben Musters aufeinander folgen.

          Terroranschläge einzelner selbsternannter Gotteskrieger sind schwer vorhersehbar und überall auf der Welt jederzeit möglich. Um das zu wissen, brauchte es nach der verheerenden Terrorkaskade dieses Jahres, für die Charlie Hebdo nur stellvertretend steht, keines Ayoub El Khazzani mehr. Allein 5000 Personen hat der französische Sicherheitsapparat im Visier. Viel zu viele, um alle gleichzeitig rund um die Uhr zu observieren. Die Lehre ist eine andere.

          Während das Zugpersonal des Thalys offenbar Reißaus nahm, sich in seinem Abteil verschanzte und die Reisenden ihrem Schicksal überließ, ergriffen drei junge amerikanische Männer die Initiative. Alek Skarlatos, Spencer Stone und Anthony Sadler rangen unter Einsatz ihres Lebens den Mann nieder, der ansonsten den Thalys in eine Todesröhre verwandelt hätte. Dass es sich bei zwei von ihnen um Soldaten handelt, von denen einer frisch aus dem Einsatz aus Afghanistan zurückgekehrt ist, ist kein Zufall. Die Bereitschaft, ihr Leben für andere zu riskieren, ist quasi Berufsvoraussetzung, auch wenn hierzulande dieser Aspekt des Soldatseins gerne verdrängt wird. Ob deutsche Fallschirmjäger oder französische Fremdenlegionäre in dem Zugabteil ähnlich gehandelt hätten? Vermutlich ja. Doch nicht immer, wenn ein Islamist sich zum Anschlag entschließt, dürften kampferprobte Soldaten in der Nähe sein.

          Im Angesicht eines Terroranschlags kann sich der Einzelne auf keine staatliche Autorität mehr verlassen und muss, so er es denn kann, das Schicksal in die eigene Hand nehmen. In den Vereinigten Staaten glauben die Menschen an die eigene Wehrhaftigkeit. Das führt mitunter zu anderen Problemen. Aber am Freitag hat dieser Glaube mitten unter uns hunderten das Leben gerettet. Das sollte uns zu denken geben.

          Was folgt aus dem vereitelten Anschlag im Thalys-Schnellzug? Lesen Sie unsere Debatte in der Desktop-Version von FAZ.NET.

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