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Kommentar : Josef Schusters kühler Blick auf „Mein Kampf“

Josef Schuster hofft auf die aufklärerische Wirkung eine kommentierten Ausgabe von „Mein Kampf“. Bild: dpa

Viele Vertreter der jüdischen Gemeinschaft haben vor eine Wiederveröffentlichung von Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ gewarnt. Doch die Reaktion von Josef Schuster, dem Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, zeigt: In den vergangenen Jahren ist viel richtig gelaufen.

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          In „Mein Kampf“ entwarf Adolf Hitler 1925 einen rassistischen deutschen Staat, der die Juden ermordete. Als Diktator verwirklichte er zwischen 1933 und 1945 diesen teuflischen Plan. Auch sieben Jahrzehnte später ist den Vertretern des Judentums bewusst, dass sie auf gewisse Weise immer auch die sechs Millionen Toten des Holocausts mit vertreten. So wird, so muss es bleiben. Aber etwas anderes verändert sich, langsam, aber doch deutlich. Das wird sichtbar, wenn man die Aussagen von drei prominenten Juden vom Freitag vergleicht. Alle haben sich zur neuen, von Münchner Historikern kommentierten Ausgabe der Hassschrift geäußert.

          Zwei der Reaktionen waren gewohnt kritisch, mahnend, warnend, alte Schule. Diese Rolle haben die Vertreter des Judentums seit Jahrzehnten inne, immer dann, wenn es um die Gefahr von Antisemitismus geht oder um die Opfer der Nationalsozialisten. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Bayern, warnte auch jetzt: „Man kann nicht vorhersehen, was dieser Text bewirkt. Manch einer könnte Hitlers Worte wieder ernst nehmen.“ Die frühere Präsidentin des Zentralrats verwies dabei auf antijüdischen Hass, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland heute. Noch deutlicher als Knobloch wurde der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, der Amerikaner Ronald S. Lauder. Er sagte: „Von diesem abscheulichen und giftigen Buch sind schon genug Exemplare gedruckt worden. Es wäre also das beste, ,Mein Kampf‘ dort zu lassen, wo es hingehört: im Giftschrank der Geschichte.“

          Beide Aussagen sind sehr gut nachvollziehbar. Knobloch, Jahrgang 1932, ist Zeitzeugin des Holocaust. Sie kann nicht kühl, nicht rational auf Hitler, den Antisemitismus und die Schoa blicken. Lauder spricht für die Juden in aller Welt, er schaut von außen auf Deutschland. Er weiß, wie tief die Trauer bei vielen noch sitzt, aber auch die Angst vor dem Gift. In Zeiten, in denen sich braunes Gedankengut in dumpfer, hysterischer und perfider Ausprägung in Deutschland wieder Bahn bricht, bekommt die Angst neue Nahrung.

          Trotzdem stellt sich Josef Schuster mitten in Deutschland hin und sagt, die Neuausgabe von „Mein Kampf“ sei gut und richtig. Anders als Knobloch und Lauder kann sich der Präsident des Zentralrats vorstellen, „dass diese kritisch kommentierte Auflage einer Aufklärung dient, und dass sie einen gewissen Mythos, der um dieses Buch herrscht, aufzuklären vermag“. Sie könne zeigen, mit welchen völlig falschen und skurrilen Theorien und Thesen Hitler gearbeitet habe – eine kühle, rationale Analyse. Auch Schuster, Jahrgang 1954, hält es zwar für möglich, dass das Buch dazu beiträgt, solche Ansichten in rechtsextremistischen Kreisen zu verbreiten. Er zieht daraus aber den Schluss, dass es gerade vor dem Hintergrund von Rechtspopulismus und „Pegida“ wichtig sei, sich mit Hitlers Propaganda auseinanderzusetzen. „Denn einige Dinge, die wir auch heute wieder hören, finden wir auch in diesem Buch.“

          Also: raus aus dem Giftschrank und ins kritische Licht damit. Einer der Münchner Historiker hat gesagt, die Schrift sei „umzingelt“ von Anmerkungen – das spricht nicht für ein Lesevergnügen bei Antisemiten. Die allermeisten Politiker, Wissenschaftler und Beobachter in Deutschland haben sich in diesem Sinne positiv zu der Ausgabe geäußert. Das macht Schusters Aussage aber nicht kleiner, unwichtiger, sondern im Gegenteil erst bemerkenswert. Denn es widerspricht der traditionellen Rolle des Zentralrats, beim Stichwort Antisemitismus oder Holocaust aufzuschreien. Dieter Graumann, der zwischen Schuster und Knobloch Präsident war, hat einmal gesagt, dass das Gremium oft das Bedürfnis der Medien nach einem knackigen Zitat, das gerne spektakulär oder sogar aggressiv sein durfte, bedient habe. So wurden die Zitate über die Jahre immer reflexhafter, vorhersehbarer. Graumann, Jahrgang 1950, wollte das Judentum nicht als schwermütige Trauergemeinschaft sehen. Schuster macht ernst damit. In seinem Elternhaus war der Holocaust immer ein Thema, aber eines neben anderen.

          Andere können das nicht so sehen, weil sie im KZ waren oder dort ihre Liebsten verloren haben. Sie wird es bald nicht mehr geben. So lange sie leben, ist es richtig und wichtig, dass Juden sprechen wie Knobloch und Lauder. Zur gleichen Zeit sind kühle Köpfe wie der von Schuster ein gutes Zeichen. Seine Aussage hat nichts mit Anpassung an einen Meinungs-Mainstream zu tun, auch nichts mit Ermüdung, obwohl das Mahnen-Müssen auf Dauer natürlich auch ermüdend ist, wie Knoblochs Vizepräsident Salomon Korn, Jahrgang 1943, einmal gesagt hat. Nein: Schusters Worte sind ein Zeichen, dass in Deutschland viel richtig gelaufen ist in den vergangenen Jahrzehnten. Das ist gerade in dieser Zeit eine wichtige Botschaft.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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