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Kommentar : Verbotswettbewerb

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Bildungsreformen der Gegenwart erweisen sich als geradezu typisch für den Reformgeist moderner Gesellschaften. Sie setzen ihre Hoffnung blind auf das Neue und auf die Zukunft, obwohl sie keinerlei Anhaltspunkte dafür haben, dass das Neue besser ist als das Alte. Von Heike Schmoll.

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          Nichts prägt die deutsche Bildungsgeschichte so sehr wie ihre Reformen. Von den Schulreformen über Humboldts Bildungsreformen, die Reformpädagogik und die Dauerreformen nach der herbeigeredeten Bildungskatastrophe bis zu den wettbewerbsorientierten Schul- und Hochschulreformen der Gegenwart erscheint die Bildungspolitik als ständiges Bemühen um Ausweitung und Strukturveränderung.

          Bildungsreformen der Gegenwart erweisen sich als geradezu typisch für den Reformgeist moderner Gesellschaften. Sie setzen ihre Hoffnung blind auf das Neue und auf die Zukunft, obwohl sie keinerlei Anhaltspunkte dafür haben, dass das Neue besser ist als das Alte. Das abstrakte Bekenntnis zur Reform scheint zur neuen Ideologie des 21. Jahrhunderts geworden zu sein, gewiss nicht zu einer revolutionären, sondern zu einer affirmativen. Als Tugend der Stunde gilt Reformbereitschaft. Nichts wäre frevelhafter, als den Sinn einer Reform zu hinterfragen, das gilt auch in der Bildungspolitik.

          Selbst die Bologna-Reform der Hochschulen wird noch immer mit dem Hinweis vorangetrieben, dass es „keine andere Wahl“ und „kein Zurück“ mehr gebe. Die Reformen haben eine unaufhaltsame Eigendynamik gewonnen. Sowohl den Schulen als auch den Hochschulen werden sie unter dem neuen Mantra der Autonomie schmackhaft gemacht. Dabei handelt es sich jedoch um einen Etikettenschwindel. Denn paradoxerweise wird im Namen der Freiheit zugleich ihre Unmöglichkeit verkündet.

          Autonomie hieße völlige rechtliche und finanzielle Unabhängigkeit - davon kann im öffentlichen Bildungswesen nicht die Rede sein. Im Zuge der beständigen Reformeuphorie im Bildungswesen wurden die bisherigen institutionellen Rahmenbedingungen, so unbefriedigend auch immer sie gewesen sein mögen, destabilisiert. Der Sinn von Institutionen müsste indessen darin liegen, verlässliche Rahmenbedingungen für ganz unterschiedliche individuelle Handlungsweisen bereitzustellen. Strukturen müssten im Idealfall so beschaffen sein, dass sie Leistungen fördern, statt die Energie der Leistungsträger durch dauernde Strukturreformen aufzuzehren.

          Das ist weder in der Schulpolitik noch in der Hochschulpolitik der Fall. Unter Autonomie und Liberalisierung verstehen die Bildungsreformer nicht Selbstbestimmung und Freiheit, sondern ein immer engeres Netz an Kontrollen und zunehmend eingeschränkte Entscheidungsmöglichkeiten. Das erleben gerade die Gymnasien: Sie sollen einerseits ihr Schulprofil bestimmen, sehen sich aber einem Dickicht von Einschränkungen ausgesetzt, wenn es etwa um Sprachenfolge und Sprachenvielfalt ihrer Schulen geht. Anstatt die Lehrerkollegien dazu zu befähigen, ihre Arbeit ständig selbstkritisch zu überdenken und zu verbessern, wurden sie durch den Reformaktionismus der letzten Jahrzehnte in Atem gehalten und daran gehindert, selbständig zu denken. Die Bildungsreformen wurden ohne Rücksicht auf die Beteiligten vorangetrieben.

          Noch deutlicher zeigt sich dies bei den Hochschulen. Hochschulautonomie heißt nichts anderes als Herrschaft durch Selbststeuerung. Nirgendwo offenbart sich die staatliche Überreglementierung deutlicher als hier. Jedenfalls war die alte Universität nach Humboldts Vorbild geradezu ein Hort der Freiheit, verglichen mit der neuen „Universität à la Bolognese“, in der nichts befohlen wird, sondern alles freiwillig geschieht, das aber in einem dichten Netz von Vorgaben, Kontrollen, Überprüfungen, Zielvereinbarungen, Leistungskriterien und Steuermechanismen, die der Wettbewerb angeblich verlangt.

          Die Verantwortung demokratisch legitimierter Gremien, die eine parlamentarische Kontrollfunktion ausüben könnten, wird auf externe Gremien und Räte verlagert, die eher der Marktwirtschaft als der freien Wissenschaft verpflichtet sind. Privatpersonen, Lobbyisten und Interessenvertreter fällen nun grundlegende Entscheidungen über die Universität, die damit Zug um Zug entstaatlicht wird. Das Selbstbestimmungsrecht der Fakultäten - die einzig wissenschaftsadäquate Form fachlicher Entscheidungen - wird ausgehöhlt. Die Nutznießer dieser sogenannten Autonomie sind Testagenturen und Beratungsfirmen, die Zertifikate vergeben und eine erhebliche Machtfülle ansammeln können.

          Die Leistungskriterien wie Drittmitteleinwerbung, Absolventen- und Studentenquote, Veröffentlichungen in einschlägigen Fachzeitschriften sind planwirtschaftlicher Natur, entscheiden aber über den Wettbewerb. Unter dem wunderbaren Alibi von Elite und Exzellenz auf Zeit lassen sich unliebsame Forschungszweige oder Fakultäten aushungern, von der internen Finanzzuweisung abschneiden, um sie dann wegen mangelnder Leistungsfähigkeit zu schließen.

          Nie haben Universitäten scheinbar so große, in Wahrheit so geringe Freiräume besessen wie im Zeitalter der autonomen Hochschule. Einerseits sollen sie in Forschung und Lehre allerhöchstes Niveau und internationale Spitzenwerte erreichen, andererseits mit immer höheren Studentenzahlen, immer mehr ungeeigneten Studierwilligen und einer knappen Finanzierung zurechtkommen. Gefährlich eingeschränkt wird die durch das Grundgesetz geschützte Freiheit der Wissenschaft dann, wenn der Staat sich ein Urteil über ihren Nutzen anmaßt und nur solche Wissenschaftszweige fördert, die einen volkswirtschaftlichen Gewinn versprechen. Forschung und Wissenschaft lassen sich so wenig planwirtschaftlich fixieren wie Bildung. Doch der Bildungsgedanke ist aus den Bildungsinstitutionen längst verabschiedet worden. Stattdessen geht es um Wissensproduktion. Die lässt sich in der Tat reglementieren und in Prozentzahlen angeben. Mit der Freiheit der Wissenschaft hat das so wenig zu tun wie mit Erkenntnis.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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