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Kommentar : Unsouveräner Ringstorff

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Harald Ringstorff sollte sich noch einmal erklären lassen, was 1989 eigentlich passiert ist. Manches, was der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern vor dem Besuch des amerikanischen Präsidenten fallengelassen hat, läßt nämlich auf dringenden Klärungsbedarf schließen.

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          Harald Ringstorff sollte sich noch einmal erklären lassen, was 1989 eigentlich passiert ist. Manches, was der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern in den Tagen vor dem Besuch des amerikanischen Präsidenten fallengelassen hat, läßt nämlich auf dringenden Klärungsbedarf bei ihm schließen. Etwa Ringstorffs Bemerkung, das Demonstrationsrecht seiner Kabinettskollegen von der Linkspartei gehöre zu den Errungenschaften der Wende. Wirklich? Was ist neu daran, daß SED-Politiker ihre Anhänger um sich scharen, um gegen den amerikanischen Imperialismus zu demonstrieren? Nur eines: daß sie jetzt anders heißen.

          Neu ist, daß nun auch in Stralsund Demonstrationen ohne regierende Politiker auf dem Podium stattfinden können. Der von Ringstorff so gnädig gutgeheißene Auftritt des stellvertretenden Ministerpräsidenten Methling vor den Bush-Gegnern war nur die Zurschaustellung dessen, was sich von der DDR trotz Wende erhalten hat.

          Während Deutschland sich gerade vier Wochen lang auf eine Weise gastlich gezeigt hat, die wir uns kaum selbst zugetraut hätten, hatte die rot-rote Regierung in Schwerin offenbar das Bedürfnis, bei Bushs Besuch einen Kontrapunkt zu setzen. Jedenfalls ließen die obersten Repräsentanten des Landes keine Gelegenheit aus, um deutlich zu machen, daß Bush nicht ihr Gast sei, sondern der der Bundeskanzlerin - und daß sie ihn ohnehin am liebsten von hinten sähen. Wochenlang wurde über nichts anderes geredet als über zugeschweißte Gullydeckel, gesperrte Cafe-Terrassen und andere Einschränkungen, die ein Besuch des mächtigsten und vermutlich auch unbeliebtesten Politikers der Welt nun einmal mit sich bringen.

          Präsident Bush kann man aus verschiedenen Gründen nicht mögen. Dem Repräsentanten einer Nation aber, der Deutschland in den vergangenen sechzig Jahren unendlich viel zu verdanken hat - nicht zuletzt, daß in Stralsund wieder echte Demonstrationen stattfinden können -, gebührt ein herzliches Willkommen. Wie schwach muß es um das Selbstbewußtsein einer Landesregierung bestellt sein, die zu dieser Unterscheidung offensichtlich nicht in der Lage ist? Bush werden die Querelen um seine Person nicht entgangen sein. An der Souveränität, mit der er darüber hinwegging, könnte sich mancher landespolitische Kleingeist ein Beispiel nehmen.

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