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Kommentar : Umarmung in Polen

  • -Aktualisiert am

Eine gute EU-Lokführerin: Angela Merkel Bild: dpa

Die Kanzlerin hat mit ihrer Rede in Warschau, vor allem aber mit Charme und politischem Geschick Konflikte entschärfen können. Das deutsch-polnische Verhältnis wird künftig hoffentlich mit weniger historisch aufgeladenen Emotionen befrachtet sein. Von Günther Nonnenmacher.

          Es gibt „Realisten“, die gerne mit Metall in der Stimme vom „sacro egoismo“ der Staaten reden und davon, dass es da keine Freundschaft gebe, sondern nur Interessen. Ihnen ist das familiäre Ambiente, das sich in der Europäischen Union eingebürgert hat - samt Duzen und Familienfotos -, von jeher ein Ärgernis gewesen. In demnächst fünfzig Jahren Erfahrung mit der europäischen Integration hat sich allerdings herausgestellt, dass es da keinen naturgegebenen Gegensatz gibt: So wie es in Familien, bei aller Verbundenheit, beliebte und weniger geschätzte Verwandte, Egoismus und widerstreitende Interessen gibt, so ist die weiterhin betriebene harte Interessenwahrung in der EU über die Jahrzehnte doch von einem Gefühl gegenseitiger Verbundenheit eingehegt worden. Und wie in Familienbeziehungen ist es auch in der EU meist nützlicher, schwierige Verwandte kräftig zu umarmen, statt sie ausgrenzen zu wollen.

          Ohne Respektsgrenzen zu überschreiten, wird man den Besuch von Bundeskanzlerin Merkel im Polen der Brüder Kaczynski als eine solche Umarmung ansehen können. Dem Aufeinanderzugehen in strittigen Fragen wie der „Berliner Erklärung“ zum fünfzigsten Jahrestag der Römischen Verträge, der Weiterführung des europäischen Verfassungsprozesses oder der Stationierung einer amerikanischen Raketenabwehr lagen nämlich vornehmlich Komplexe und weniger scharfe Interessengegensätze im Wege.

          Lernprozess „Integration“

          Diese Komplexe historischer, weltanschaulicher und - was Europa angeht - konzeptioneller Natur hat Frau Merkel offenbar mit ihrer Rede in der Warschauer Universität, vor allem aber mit persönlichem Charme und politischem Geschick entschärfen können. Das bedeutet nicht, dass Warschau und Berlin nun in allen Fragen einer Meinung seien. Es heißt aber hoffentlich, dass die Streitpunkte künftig mit weniger historisch aufgeladenen Emotionen befrachtet sind und deshalb mit Kompromissen überbrückt werden können.

          Dies ist der eigentliche Lernprozess, der sich hinter dem technokratischen Wort Lernprozess verbirgt. Weil Frau Merkel den westeuropäischen Lernprozess als Regierungsmitglied im Eiltempo absolvieren musste, hat sie ein Gespür dafür, wann man bremsen muss und wie man beschleunigen kann. Das zeichnet einen guten EU-Lokführer aus.

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