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Kommentar : Um der Einheitlichkeit willen

Als Zeitung ist die F.A.Z. den Kindern gegenüber in der Verantwortung, die in der Schule die reformierten Regeln erlernen müssen. Deshalb hat diese Zeitung beschlossen, bei der Rechtschreibung den Weg des Kompromisses zu gehen.

          3 Min.

          Seit dem 1. August dieses Jahres gilt die reformierte Rechtschreibung an den deutschen Schulen. Ein großer Teil der Reformbefürworter betrachtet die Reform damit als abgeschlossen. Die Mannheimer Dudenredaktion wirbt für die neueste Ausgabe ihres Nachschlagewerkes mit dem Versprechen, die Neuregelung sei endgültig, und auf dem neuen Wahrig prangt der Ausruf „Endlich Sicherheit!“ Die Beteiligten wissen, daß dies nicht die ganze Wahrheit ist, aber sie wissen genau, wie der größte Wunsch der Sprachgemeinschaft beschaffen ist: Jeder, der mit Fragen der Rechtschreibung zu tun hat, wünscht sich nach langen Jahren des Streits und der Verwirrung nichts sehnlicher als ein klares und einheitliches Regelwerk. Das Hin und Her muß endlich ein Ende haben.

          Dieser Wunsch geht über alle Gräben hinweg, er eint trotz allen Meinungsverschiedenheiten die Reformer wie die Anhänger der über Jahrzehnten bewährten Rechtschreibung. Erfüllen kann er sich jedoch nur, wenn alle Beteiligten die Einheitlichkeit der Rechtschreibung über die Einzelheiten stellen, die nach wie vor strittig sind. Deshalb wird diese Zeitung vom 1. Januar 2007 an ihre Rechtschreibung weitgehend dem Schulgebrauch angleichen. Sie tut dies, weil die Reform der Reform die bewährte Schreibweise in wesentlichen Teilen wieder für zulässig erklärt hat. Wer will, kann also weiterhin weitgehend der bewährten Rechtschreibung folgen, und diese Zeitung wird dies tun. Wo immer es möglich ist, wird sie auch in Zukunft die bewährten Schreibweisen anwenden. Damit ist gewährleistet, daß die Redaktion ihr wichtigstes Handwerkszeug, die Sprache und die Rechtschreibung, weiterhin so nutzen und einsetzen kann, wie ihre Arbeit es verlangt und wie unsere Leser es gewohnt sind.

          Theorie und Praxis

          Als diese Zeitung vor sechs Jahren von der 1999 eingeführten reformierten Schreibweise zur bewährten zurückkehrte, zog sie die Konsequenz aus den Erfahrungen, die sie ein Jahr lang mit der untauglichen neuen Rechtschreibung gesammelt hatte. Die Entscheidung war aber auch ein Zeichen, das sich gegen die Willkür richtete, mit der die Kultusminister und die von ihr in der zwischenstaatlichen Kommission inthronisierten Experten die Sprachgemeinschaft behandelten. Die Reform, die ohne jede Not, aber mit großem Ehrgeiz betrieben wurde, ignorierte vollständig, daß Sprache und Rechtschreibung sich organisch entwickeln und sich dabei nicht um die Vorgaben der Sprachwissenschaft kümmern. Daß es im Deutschen Schreibweisen gibt, deren Entstehung der Linguist nicht zu erklären vermag, ist ein Problem der Sprachwissenschaften und hätte es bleiben sollen. Es war ein Problem der Theorie. Durch die Reform wurde es jedoch zu einem Problem der Praxis: Plötzlich schien es jedermann zu betreffen.

          Keine Reform, die in den letzten Jahrzehnten in diesem Land begonnen wurde, war so unnötig wie die Rechtschreibreform. Daher hat sie wie wenige andere Reformen die Gemüter erhitzt. Gibt es ein anderes Land der Welt, dessen Dichter darauf bestehen, daß ihre Texte in den Schulbüchern einer anderen Rechtschreibung folgen als jener, die in den Schulen gelehrt wird? Die ursprüngliche Reform hat sich weder bei den Schriftstellern noch in der Bevölkerung durchsetzen können.

          Der größte Ansehensverlust

          Deshalb haben die Kultusminister, ihre Niederlage insgeheim eingestehend, den Rat für Rechtschreibung ins Leben gerufen. Er sollte die gravierenden Mängel der Reform beheben und hat dies auch weitgehend getan, obwohl er überwiegend mit Reformbefürwortern besetzt wurde, die nun revidieren mußten, was sie zuvor beschlossen hatten. Die Einsicht, die hier vorliegt, ist jedoch vor allem die Einsicht in die Grenzen dessen, was Politik verfügen kann: Die Sprache liegt außerhalb der Zuständigkeit der Politik. Daß die Kultusministerkonferenz dies nicht hinnimmt, hat ihr den größten Ansehensverlust eingetragen.

          Und noch immer ist die Einheitlichkeit unserer Rechtschreibung, die uns als Ergebnis der Reform der Reform versprochen wurde, nicht wiederhergestellt, denn die Wörterbücher verzeichnen zahlreiche Varianten. So erlaubt der Duden zum Beispiel die Schreibweise „heute Früh“ ebenso wie die bewährte Schreibung „heute früh“.

          Verantwortung gegenüber den Kindern

          Der anhaltende Widerstand der meisten deutschen Schriftsteller und ihrer Verlage, die Not von Schülern, Lehrern und Eltern, die Proteste in den Medien und nicht zuletzt die Empörung in weiten Teilen der Öffentlichkeit - all dies hat dazu geführt, daß die Rechtschreibreform mehrfach reformiert wurde. Dies wäre ohne die unnachgiebige Haltung der Öffentlichkeit nie geschehen, und wir wissen, daß viele unserer Leser nach wie vor jeden Kompromiß in dieser Frage ablehnen. Im Privatleben ist eine solche rigorose Haltung aufrechtzuerhalten, denn privat kann auch weiterhin jedermann schreiben, wie er es für richtig hält.

          Aber für eine Zeitung verhält sich die Sache anders: Wir fühlen uns auch den Kindern gegenüber in der Verantwortung, die in der Schule die reformierten Regeln erlernen müssen. Ihnen und allen anderen sind wir es schuldig, daß wir für die Einheitlichkeit der Rechtschreibung alles tun, was in unserer Macht steht. Deshalb hat diese Zeitung ebenso wie andere Blätter beschlossen, den Weg des Kompromisses zu gehen. Unsinnigen Regeln werden wir auch in Zukunft nicht folgen: Schreibweisen wie Stängel statt Stengel oder Tollpatsch statt Tolpatsch wird es auch in Zukunft in dieser Zeitung nicht geben. Nach jahrelangem Streit ist die Reform mit großem Aufwand meist wieder bei dem angelangt, was zu verbieten ihre Verfechter vor langen Jahren einmal angetreten waren: bei den bewährten Schreibweisen. Das ist beileibe kein Verdienst der Reformer.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

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