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Tag der Einheit : Welches Deutschland?

In der Semperoper: Wir sind das Volk. Aber sind wir auch ein Volk? Bild: AFP

Alle reden über „Wir sind das Volk“, aber niemand über „Wir sind ein Volk“. Das liegt auch daran, dass sich die Deutschen nicht mehr einig sind, was aus dem deutschen Volk einmal werden soll. Ein Kommentar.

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          Es war ein besonderer Tag der Deutschen Einheit. Nicht nur wegen der Gewalttätigkeiten und Pöbeleien, von denen die Feiern in Dresden überschattet wurden. Krawallmacher und Sprücheklopfer sind bei solchen Veranstaltungen immer zur Stelle - mal brüllen Linksradikale „Deutschland verrecke“, mal beschimpfen Rechtsradikale die „Volksverräter“. Verwirrte gibt es immer und überall. Wenn eines Tages auf die Chronik der Einheit zurückgeschaut wird, dann muss dieser 26. Tag aber noch aus einem anderen Grund als etwas Besonderes, als ein Einschnitt, vielleicht sogar als eine Wende nach der Wende wahrgenommen werden. Zum ersten Mal wurde die deutsche Einheit gefeiert, ohne dass wirklich von einer Einheit Deutschlands gesprochen werden kann.

          Die Rede des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert in der Semperoper kam daran nicht vorbei. Sie wirkte wie das Echo auf die Versicherung Angela Merkels, die Prinzipien ihrer Migrationspolitik änderten nichts daran, dass Deutschland Deutschland bleibe, mit allem, was den Deutschen lieb und teuer sei. Lammert war vorsichtiger. Was Deutschland im 21. Jahrhundert sein solle, sagte er, darüber seien sich die Deutschen derzeit nicht im Klaren. Die historischen Bögen, die Lammert dann spannte, liefen aber doch auf die Streicheleinheit der Kanzlerin hinaus. Die Geschichte gebiete es, sagte Lammert, dass Deutschland in seinen Grundorientierungen „so bleibt, wie es ist“.

          Vor Jahren hätte wohl niemand gewusst, warum er dem widersprechen sollte. Im 26. Jahr der Einheit ist es anders. Einen Grundkonsens darüber, was getan werden muss, damit das Land so bleibt, wie es ist, gibt es nicht mehr. Vielleicht gab es ihn nie, aber es gab, wie in der bundesrepublikanischen Außenpolitik, einen Konsens über ebenjene Grundorientierungen auch in der Innenpolitik. Der Bruch äußert sich darin, dass erstaunlich viele Deutsche glauben, dass schon viel zu viel getan wurde, das dazu führt, dass Deutschland in seinen Grundfesten eben nicht so bleibt, wie es ihnen lieb und teuer ist. Reicht es, wie Lammert es tat, kosmopolitisches Deutschtum dagegenzusetzen? Oder die Ironie der Geschichte, dass die Deutschen umso mehr zu jammern scheinen, je besser es ihnen geht? Aus beidem spricht ein sympathischer Realismus und die Gewissheit, wer „das“ Volk ist. Entscheidend aber ist, ob die Deutschen wieder lernen, dass sie „ein“ Volk sind.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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