https://www.faz.net/aktuell/politik/kommentar-scholz-schweigt-zu-nord-stream-2-17789715.html

Ukraine-Krise : Die Pipeline, deren Name nicht genannt werden darf

Koch und Kellner: Biden sagt klipp und klar, dass ein russischer Einmarsch in der Ukraine das Ende von Nord Stream 2 bedeute. Scholz schweigt dazu. Bild: Reuters

Eine rege Reisediplomatie soll Moskau vom Einmarsch in der Ukraine abbringen. Auch Berlin macht mit – aber noch immer nicht mit der nötigen Deutlichkeit.

          1 Min.

          Scholz in Washington; Macron in Moskau, Kiew und Berlin, wo er den Kanzler und den polnischen Präsidenten Duda trifft; Scholz nächste Woche in Moskau – der deutschen und der französischen Führung ist kein Weg zu weit beim Versuch, den Kreml von einem Überfall auf die Ukraine abzuhalten. Putin soll ganz sicher wissen, dass ein Einmarsch Russland teuer zu stehen käme und der Westen sich in diesem Konflikt nicht von ihm spalten lasse.

          Im Bemühen um Klarheit und Geschlossenheit sehen die Verbündeten beiderseits des Atlantiks besser aus als in früheren Fällen, in denen sie mit Moskauer Skrupellosigkeit und Verschlagenheit konfrontiert wurden. Doch selbst mit Putins Panzern vor Augen spricht der Westen noch nicht durchgehend mit einer Stimme, wie die Äußerungen des Bundeskanzlers und des amerikanischen Präsidenten zur Pipeline Nord Stream 2 zeigten. Sie ist zum Symbol und Prüfstein dafür geworden, wo Berlin im Konflikt mit Moskau steht.

          Als lausche der Kellner dem Koch

          Scholz aber vermied es in Washington hartnäckig, die Gasleitung auch nur zu erwähnen: Moskau solle nicht ausrechnen können, wie hoch der hohe Preis sei. Der Kanzler nennt das „strategische Ambiguität“ – eine mutige Formulierung in Zeiten, in denen der deutschen Russlandpolitik eine fatale Mehrdeutigkeit vorgeworfen wird. Biden schlug in diese Kerbe nicht, wollte aber lieber eine eindeutige Botschaft nach Moskau (und Berlin) schicken: Marschiere Russland in der Ukraine ein, dann werde Washington der Pipeline „ein Ende setzen“. Scholz schwieg auch dazu, als lausche der Kellner dem Koch.

          In Moskau wartet auf den Kanzler ein viel schwierigeres Gespräch, das Macron schon hinter sich hat. Putin sprach danach kokett von „Folter“. Er genießt, dass ein Staatsmann nach dem anderen im Kreml um Frieden bittet. Diese diplomatische Großoffensive könnte Putin, ein Meister des Katz-und-Maus-Spiels, noch lange aushalten. Und wer weiß: Vielleicht bekommt er am Ende für den Abzug seiner Invasionsarmee auch noch eine Belohnung.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.