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Kommentar : Pfusch am Bau

  • -Aktualisiert am

Vorzeitiges Aus für einen Reformer Bild: AP

Florian Gerster hatte einfach ein paar Feinde zuviel. Gegen ihn standen die gewerkschaftlichen und bundesanstaltlichen Traditionstruppen ebenso wie die kleinere, aber feinere Schar derer, denen Gersters Umbaubemühungen nicht entschlossen und grundstürzend genug sind.

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          Florian Gerster hatte einfach ein paar Feinde zuviel. Um nur ein paar zu nennen: Gegen ihn standen die gewerkschaftlichen und bundesanstaltlichen Traditionstruppen, denen die ganze Modernisierungsrichtung von Anfang an nicht paßte, ebenso wie die kleinere, aber feinere Schar derer, denen Gersters Umbaubemühungen nicht entschlossen und grundstürzend genug sind. Gegen ihn stand jener wegelagernde Teil des Medienapparates, der keinen Respekt vor Amtsträgern kennt und die Hatz für ein Menschenrecht hält. Und gegen Florian Gerster stand: Florian Gerster selbst.

          Er war der ideale Mann, um ein Himmelfahrtskommando zu seinem gebührenden Ende zu bringen. Persönlich keineswegs so hochmütig, wie ihm oft vorgeworfen wird, ist der Arztsohn und Reserveoffizier doch insofern klassischer Sozialdemokrat, als er Dinge für machbar hält, denen ein gesunder, an deutschem Beharrungsvermögen geschulter Skeptizismus keine Chance geben würde. Es war höchst unklug, daß Gerster, noch bevor er die Leitung der damals noch Bundesanstalt für Arbeit genannten Nürnberger Großbehörde übernahm, ankündigte, er werde die Behörde so erneuern, daß ihr Wirken zur drastischen Senkung der Arbeitslosenzahlen beitragen werde.

          Jagd auf Florian Gerster

          Seine Kenntnis des Tonnengewichts strukturbedingter Arbeitslosigkeit hätte ihn veranlassen sollen, vorsichtiger aufzutreten. Noch viel schlimmer aber war es, daß er, ebenfalls vor Amtsantritt, wissen ließ, er werde im Rahmen seines Modernisierungs- und Verschlankungsbemühens die Zahl der Mitarbeiter der Bundesanstalt - es handelte sich um fast 100000 - halbieren. So drastisch ist deutschen Beamten, Angestellten und ihren Funktionären wohl noch nie der Krieg erklärt worden. Und es ist nicht verwunderlich, daß sie alle alles getan haben, um ihren Chef auflaufen, in die Irre laufen und an der ausgestreckten Hand verhungern zu lassen.

          Zum Abstoßendsten der Jagd auf Florian Gerster gehört der Umstand, daß die vielleicht entscheidende Abteilung in der Schar der Jäger unerkannt fernab der Öffentlichkeit agiert. Seit Bundeskanzler Schröder seine Partei und die Gewerkschaften, denen er sich im Bundestagswahlkampf noch gewogen zeigte, abrupt und ohne große Erklärungsbemühungen mit seinem Reformkurs überrumpelte, hat er zwar die Partei ganz und die Gewerkschaften halb zum Schweigen gebracht - überzeugt hat er aber niemanden.

          Die Kleinlauten wurden mutig

          Gerster, den Schröder einstmals seinen besten Mann genannt hatte, mußte als Angriffsziel für die Traditionstruppen herhalten. Und dieses Ziel war präzise ausgewählt. Denn die nun in Bundesagentur umbenannte Bundesanstalt gab gewissermaßen die Nahtstelle ab, an welcher der größte Teil des arbeitsmarktpolitischen Reformwerks von Rot-Grün seinen Praxistest zu bestehen haben würde. Machte man die Bundesagentur handlungsunfähig und zum Gespött der Leute, würde man zugleich Schröders Reformbemühen einen kräftigen Schlag versetzen. Die Freude, daß man mit diesem Bemühen offensichtlich gut vorankomme, ist einer still vor sich hin schmunzelnden Ursula Engelen-Kefer seit etlichen Tagen ins Gesicht geschrieben. Zu Mitleid mit Schröder besteht freilich kein Grund. Wie es nun einmal seine Art ist, hat er auch hier aus dem Augenblick heraus und ohne konturierte Gedanken an die vielen Tage danach Politik gemacht. Daß Gerster die Nürnberger Behörde noch mehr in Verruf gebracht hat, ist Teil der üblichen Hallodri-Politik Schröders, der es um Effekt und nicht so sehr um Wirkung geht: Pfusch am Bau.

          Wo ein Verwundeter ist, sind die Geier nicht fern. Seit die Amtstage des Florian Gerster gezählt schienen, wurden die bisher Kleinlauten und Vorsichtigen mutig. Auf einmal warteten etwa der sozialpolitische Umbauskeptiker Horst Seehofer und der marktliberale Quartalsheißsporn Friedrich Merz mit dem Vorschlag auf, man solle die - ohnehin unreformierbare oder unnütze - Bundesagentur doch gleich ganz auflösen. Das ist Gratismut. Jeder weiß, daß es nicht zu den Stärken dieser Republik gehört, schnell und amputierend zu reformieren. Gewiß, der Glaube hat etwas Hybrides, eine riesige Bundesbehörde könne - wenn sie erst einmal ordentlich auf Zack gebracht ist - das zu einem großen Teil leisten, was den gefesselten, zumindest behinderten Kräften des Marktes nicht gelingt: Arbeitsplätze zu schaffen.

          Mit Radikalrezepten ist nichts gewonen

          Gewiß, nirgendwo sonst ist der Irrglaube, der Staat sei nicht allein für den ordnungspolitischen Rahmen, sondern auch für den Arbeitsplatzinhalt zuständig, so verkörpert und Überbehörde geworden wie in der Bundesagentur. Gewiß ist aber auch: Es führt in dieser Republik kein kurzer Weg von dieser Einsicht zu den Konsequenzen aus ihr. Mit schnell aus dem Ärmel geschüttelten Radikalrezepten ist nichts gewonnen.

          Florian Gerster aber, der immanente Modernisierer, ist auch deswegen gescheitert, weil er zu sozialdemokratisch und zu staatsbezogen war. Er wollte nicht sehen, daß es auch dem Tapfersten nicht gegeben ist, den Deutschen hundert Jahre Etatismus - noch dazu mit behördlichen Mitteln - auszutreiben.

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