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Kommentar : Nah und fern

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Die Welt sei im Angesicht der Flutwelle kleiner geworden, heißt es allenthalben. Der vieltausendfache Tod habe eine humanitäre Globalisierung bewirkt, die nun auf die wirtschaftliche folge. Voraussetzung dieser Lesart war, daß die ...

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          Die Welt sei im Angesicht der Flutwelle kleiner geworden, heißt es allenthalben. Der vieltausendfache Tod habe eine humanitäre Globalisierung bewirkt, die nun auf die wirtschaftliche folge. Voraussetzung dieser Lesart war, daß die Katastrophe einen politischen und medialen Widerschein erhielt, der die Verheerungen in Südostasien weltweit so sichtbar machte wie kein Unglück zuvor. Die Steigerung der mutmaßlichen Opferzahl von Tag zu Tag, mitunter von Stunde zu Stunde, inszenierte gleichsam ein Drama für seine Zuschauer. Die ferne Flut rückte in eine emotionale Nähe, die eine in der Geschichte beispiellose Spendenbereitschaft erzeugte. Warum stürzten sich Medien und Politik in dieser Weise auf die Schreckensnachricht vom zweiten Weihnachtstag? Warum war die öffentliche Resonanz so stark?

          Die schiere Zahl der Toten, 150 000, gar 000, kann es nicht sein. Überschwemmungen in Bangladesch, zivile Opfer in den Golfkriegen, Völkermorde in Afrika erreichen ähnliche Ausmaße, ohne daß sich die Welt in eine globale Trauergemeinde verwandelt. Gewiß rückten die Geschichten derer, die alsbald an den Flughäfen in Frankfurt und Stockholm landeten und von Familien und Fernsehkameras empfangen wurden, das Geschehen noch einmal näher. Doch stärker wirkten die Bilder der Verheerung, darunter besonders jene Aufnahmen, die erahnen ließen, in welcher Situation es die Menschen getroffen hatte, beim Baden, Flanieren, im Restaurant, im Hotelzimmer.

          Auf dem heimischen Bildschirm, in den Zeitungen und Magazinen erschienen der Souvenirhändler und der mobile Imbißverkäufer, der Hotelier und die Kellnerin, die Hab und Gut oder gar das Leben verloren haben, seltsam vertraut. Die Strände Phukets, die Hütten Sri Lankas, die Landschaften Indiens und die paradiesischen Inseln der Seychellen und Malediven sind vorher vielfach bereist, zumindest aber in Fernsehserien oder Ferienkatalogen bestaunt worden. So wie die Anschläge des "11. September" nicht zuletzt deshalb Entsetzen hervorriefen, weil Manhattan zuvor in Wort und Bild zum Kiez der globalen Community stilisiert worden ist, erscheint uns auch die Urlaubswelt Südostasiens als Nachbarschaft.

          Hätte das Seebeben die Welt derart erschüttern können, wenn am Ende "nur" 100 000 Opfer in Aceh zu verzeichnen gewesen wären? Das riesige Inselreich Indonesien ist weithin Terra incognita, im thailändischen Bangkok dagegen kann man sich günstig Anzüge anfertigen lassen - und sei es nur bei einer Zwischenlandung auf dem Weg nach Australien oder Neuseeland. Die Straßen New Yorks muten vertraut an, die Grosnyjs fremd. Wo immer die Scheinwerfer der Tourismus- oder Filmindustrie hinleuchten, wo immer vertraute Markenprodukte ihr Signalfeuer senden, strahlt die Ferne in unsere Lebenswelt zurück. Für die meisten ist diese Welt nicht wirklich Teil ihres Lebens, aber die Bilder dieser Welt sind es. Sie scheint verständlich, weil ihre Chiffren bekannt sind. Die Peripherie dieser Welt kann, so wie Aceh, im Gefolge hie und da das Glück oder Unglück haben, kurzzeitig ins Halblicht gerückt zu werden, der Rest bildet die dunkle Seite der Globalisierung.

          Wer erinnert sich noch daran, daß das Morden in Darfur weitergeht? Die geschätzte Opferzahl in Sudan soll schon vor Monaten 50 000 überschritten haben. Afrika liegt fern: Die Konflikte dort wirken kompliziert bis zur Undurchschaubarkeit, die Zeichen des Schwarzen Kontinents sind nicht zu entziffern, und betroffen ist unsere Lebenswelt nur über die Flüchtlinge auf Lampedusa. Deshalb konnten in Afrika Mitte der neunziger Jahre ein Völkermord und seither zahlreiche Gemetzel ungestört stattfinden. Man schaut nicht hin. Jetzt, da die Aufmerksamkeit Asien gilt, noch weniger. Weil im Zuge der außergewöhnlichen Hilfsbereitschaft der Staatengemeinschaft und der Weltgesellschaft die Kräfte am Indischen Ozean gebündelt werden, müssen die vergessenen Landstriche noch größere Vernachlässigung fürchten. Das alles ist bekannt - und erschüttert niemanden. Das offenbart die Relativität menschlichen Entsetzens.

          Wir sehen, was uns interessiert, wir empfinden Mitleid für das, was uns nah ist. Das Fremde löst keine gefälligen Affekte aus - ebendas konstituiert es. Der Tschetschenien-Krieg, in dem russische Streitkräfte, die ohnehin nur böse Assoziationen wecken, ein unbekanntes Kaukasusvolk bekämpfen, findet aufflackernde Beachtung, wenn islamistische Terroristen in Nordossetien eine Schule besetzen und Kinder töten. Terrorismus, zumal einer, der sich gegen Kinder wendet, trifft alle, weil jedermann Kinder liebt. Nur so erhielt Beslan einen Bleistifteintrag im Adreßbuch des globalen Dorfs.

          In Wahrheit ist die Welt nicht kleiner geworden. Die größer werdende, vertraut scheinende Welt ist eine, in der die Menschen die gleichen Nike-Schuhe und Swatch-Uhren tragen, die gleichen Autos fahren und in der die Vorstellungen vom guten Leben hier wie da sich auf den Zugang zu Gütern und Dienstleistungen konzentrieren, unbenommen des spirituell-kulturellen Hintergrunds. Eine humanitäre Globalisierung mag auf die wirtschaftliche gefolgt sein. Doch wie die wirtschaftliche ist auch die humanitäre nur teilweise global. Und beide Globalisierungen werden vermittelt durch eine dritte: die kulturelle. Diese ist eine westlich dominierte, kosmopolitisch gefüllte Crossover-Kultur: Spaßgesellschaft und Thaiküche, Aussteigerleben und geldwerte Zuflucht im indischen Hier und Jetzt. Was nah oder fern ist, bestimmt nicht die räumliche Distanz, sondern die lebensweltlichen Schnittmengen zwischen "uns" und "denen". Für weite Teile der Welt ist die Erde weiterhin ein großer Planet.

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