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Kommentar : Nachkriegszeiten

Einstimmig hat das polnische Parlament die Regierung in Warschau aufgefordert, von Deutschland Reparationen für die Schäden zu verlangen, die es Polen im Zweiten Weltkrieg zugefügt hatte. In Deutschland schaut man verwirrt auf das Datum dieser Meldung.

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          Einstimmig hat das polnische Parlament die Regierung in Warschau aufgefordert, von Deutschland Reparationen für die Schäden zu verlangen, die es Polen im Zweiten Weltkrieg zugefügt hatte. In Deutschland schaut man verwirrt auf das Datum dieser Meldung. Sind nicht sechzig Jahre seit Kriegsende vergangen? Hatte Polen, mittlerweile EU-Mitglied, nicht schon 1953 auf die Fortsetzung der Reparationsleistungen verzichtet? Sprach nicht Bundeskanzler Schröder erst vor wenigen Wochen am Jahrestag des Warschauer Aufstands davon, Vermögensfragen seien für beide Regierungen kein Thema mehr? Und hatte er nicht in der Normandie verkündet, die Nachkriegszeit sei "endgültig vorbei"?

          Offenbar ist sie es nicht, wie der Beschluß des Sejm und die Reaktionen darauf in Berlin zeigen. Das übliche Herunterspielen unliebsamer, häufig unverstandener Äußerungen aus den östlichen Nachbarländern zu fortwirkenden Streitpunkten aus der Vergangenheit mag diesmal nicht so recht gelingen: Ein mit 328 zu null Stimmen und von allen Parteien getragener Beschluß läßt sich schwer ignorieren. Der SPD-Vorsitzende Müntefering nannte ihn nicht grundlos eine "Provokation": In Warschau hatte sich der Bundeskanzler deutlicher als jeder seiner Vorgänger gegen Restitutionsansprüche aus Deutschland gestellt. Gilt das Wort eines deutschen Kanzlers nichts in Polen?

          Gewicht wird dort dem Wort eines deutschen Rentners zugemessen, des Aufsichtsratsvorsitzenden der "Preußischen Treuhand GmbH & Co KG a. A.", Rudi Pawelka. Sein Unternehmen setzt sich für die Rückgabe von ehemals deutschem Eigentum in Polen ein, das Vertriebenen und Flüchtlingen entschädigungslos enteignet worden war. Klagen auf Rückgabe sollen im Herbst bei polnischen und europäischen Gerichten eingereicht werden. Es sind die Aktivitäten der "Treuhand", die in Polen als Grund für die Erregung angeführt werden, die auch das ganze Parlament erfaßte. Diese Rückgabeforderungen seien die eigentliche Provokation, da mit ihnen von der deutschen Schuld abgelenkt, die Geschichte auf den Kopf gestellt werden solle.

          Die Angst vor einem neuen deutschen Revisionismus zog sich wie ein roter Faden auch schon durch die polnischen Reaktionen auf die Pläne zur Errichtung eines "Zentrums gegen Vertreibungen", das in Polen als eine Art Geschichtszentrifuge zur Neuverteilung der Schuld verstanden wird: Wenn sich nun auch die Deutschen als Opfer verstünden, so fragt man in Warschau, wer bleibe dann eigentlich als Täter übrig?

          Doch stimmt die Behauptung, Deutschland wolle sich von der Schuld der Nazi-Zeit und der daraus erwachsenen Verantwortung für die Zukunft lossagen? Das würde in Deutschland nicht nur der Kanzler entschieden bestreiten, der das in Warschau getan hatte. Jene Polen, die jetzt den Deutschen Vergeßlichkeit oder Schlimmeres vorwerfen, scheinen zu übersehen, daß der über Jahrzehnte geführte Schulddiskurs und die daraus abgeleiteten Handlungsimperative zu Pfeilern der deutschen Republik geworden sind, an denen keine ihrer maßgeblichen politischen Kräfte rüttelt. Kein Volk hat sich nach dem Krieg so gründlich mit seiner Geschichte (und Schuld) auseinandergesetzt wie die Deutschen. Der Aufruf, dabei keine Ecke unausgeleuchtet, kein Tabu gelten zu lassen, mußte aber zwangsläufig auch zu jenem letzten Kapitel hinführen, dem die deutsche Öffentlichkeit bis vor wenigen Jahren weitgehend ausgewichen war: daß auch Deutsche Opfer des von Hitler begonnenen Krieges und seiner Folgen bis zur Vertreibung waren. Es geht um Wahrhaftigkeit im Umgang mit der nationalen Geschichte, die man keinem Volk verwehren kann und sollte, auch den Nachbarn im Osten nicht.

          Dort hatte die "Vergangenheitsbewältigung" (ein urdeutsches Wort) einen anderen Verlauf genommen. Auch deswegen entsteht beim Aufeinanderprallen der Argumente häufig der Eindruck, sie entstammten verschiedenen Zeiten, verschiedenen Nachkriegszeiten. Die kommunistischen "Frontstaaten" hatten sich beim Blick in die Vergangenheit aus naheliegenden Gründen auf die Verbrechen Hitler-Deutschlands konzentriert. Die Verbrechen, die vor und nach dem Ende des Krieges an Deutschen begangen wurden, hieß man "gerechte Rache"; weiter interessierten sie nicht. In den vergangenen Jahren haben sich polnische und tschechische Historiker der Erforschung dieser dunklen Stellen angenommen - große, gar befreiende Debatten erwuchsen daraus jedoch nicht.

          Die deutsche Politik hat die politisch ungelösten Konflikte, die auf die Vertreibung von Millionen Deutscher aus Mittel- und Osteuropa zurückgehen, in der Hoffnung unterschätzt, daß sie sich - mit dem Wegsterben der Vertriebenen - von selbst lösten. Die Doppelstrategie, die Nachbarn im Osten mit politischen Absichtserklärungen knapp unterhalb eines völkerrechtlich verbindlichen und regreßpflichtigen Anspruchsverzichts zu beruhigen und die Vertriebenen auf die Vorzüge der EU-Ost-Erweiterung (mit den entsprechenden Klagewegen) zu verweisen, ist gescheitert. Wenn Berlin den Polen und Tschechen völlige Sicherheit geben wollte, dann müßte es einer innerstaatlichen Entschädigungsregelung zustimmen, wie sie von der Vertriebenen-Präsidentin Steinbach vorgeschlagen wurde. Sie sprach sich für eine "Null-Lösung" aus. Vernahm man das in Polen nicht?

          Ob eine Verzichtserklärung Deutschlands aber die Bereitschaft der Polen und der Tschechen förderte, endlich "offen" über die Vertreibung zu reden, ist fraglich; im Deutsch-Tschechischen Gesprächsforum, das zu diesem Zweck gegründet worden war, geschah das mit abnehmendem Erfolg. Im Zentrum allen Streits steht die Frage, ob die Vertreibungen Recht oder Unrecht waren. Kommt es in Fragen der Moral - und nur um sie kann es sechzig Jahre nach Kriegsende noch gehen, nicht um Materielles - zu keiner Annäherung, dann wird dieser Konflikt immer wieder aufbrechen. Gesten des Entgegenkommens, auch von polnischer Seite, wären hilfreich für seine Überwindung. Manch einer verfahrenen Beziehung hat freilich auch ein Gerichtsurteil nicht geschadet.

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