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Kommentar : Mit Helm, ohne Zwang

Mehr Helm wagen? Der Bundesgerichtshof überlässt die Entscheidung dem Radler - oder seinen Erziehungsberechtigten Bild: dpa

Eine generelle Helmpflicht für Radfahrer einzuführen, wäre Sache des Gesetzgebers. Nötig ist sie nicht. Es gilt das Prinzip Verantwortung - im Auto wie auf dem Velo.

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          Auch hier geht es um Freiheit und Sicherheit, und auch hier schlagen die Emotionen hoch: Müssen Radfahrer einen Helm tragen? Die Verantwortung des Einzelnen steht gegen staatlich verordneten Schutz. Dass Gurte und Helme täglich Leben retten und vor schlimmsten Verletzungen bewahren, lässt sich allerdings nicht bestreiten. Der gesetzliche Zwang, sich im Auto anzuschnallen, dieser minimale Eingriff in die persönliche Freiheit, hat schon Zigtausende von Menschenleben gerettet. Hätte der Bundesgerichtshof nun einer helmlosen Radfahrerin, die eigentlich schuldlos in einen Unfall verwickelt wurde, ein Mitverschulden zur Last gelegt, so wäre das faktisch einer Helmpflicht gleichgekommen.

          Doch das ist Sache des Gesetzgebers. Es sollte auch nicht darauf ankommen, wie viele Fahrradfahrer „nach repräsentativen Verkehrsbeobachtungen“ derzeit schon einen Helm tragen. Nein, die Frage lautet: Ist hier ein staatliches Einschreiten nötig? Zweifellos ist die Unfallgefahr nicht zu leugnen, und die Grenze zwischen Sport- und Freizeitfahrern verschwimmt immer mehr: das gilt für die Ausrüstung ebenso wie für das Fahrverhalten.

          Radfahrer sind heute innerorts mitunter mit der Geschwindigkeit von Kraftfahrzeugen oder motorisierten Zweirädern unterwegs; hier stellt übrigens niemand die Helmpflicht in Frage. Zudem dürfen Fahrradfahrer oft Einbahnstraßen in entgegengesetzter Richtung befahren, was in den überfüllten Städten ebenso reizvoll wie risikoreich ist. Es zwingt freilich auch die Autofahrer zur Rücksichtnahme.

          Und hier liegt auch der Schlüssel für die Abwägung zwischen Selbstbestimmung und Bevormundung: Verschulden setzt Verhalten voraus. Wer die Straße als Kriegsgebiet betrachtet, der muss die Konsequenzen tragen. Das sind Autofahrer, die ihre Defizite dadurch auszugleichen suchen, dass sie ihr Fahrzeug als Waffe einsetzen. Und das sind Fahrradfahrer, die glauben, sich als vermeintlich Schwache im Verkehr alles herausnehmen zu können – und nicht ohne Grund oft mit stahlhelmähnlichen Kopfschutz unterwegs sind. Auch der befreit sie aber nicht von ihrer Verantwortung und Haftung. Sie sind wie Kinder – und die muss man bevormunden. Dass auch Erwachsene einen Helm tragen, ist vernünftig. Eine Pflicht dazu für jede Fahrt mit dem Drahtesel ist aber nicht nötig.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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