https://www.faz.net/-gpf-oh7q

Kommentar : Lieber freiwillig

Der Zivildienst gehört zum politischen Inventar der alten Bundesrepublik. In den Fernsehserien "Schwarzwaldklinik" und "Lindenstraße" waren Zivildienstleistende - sie hießen "Micha" und "Zorro" - Sympathieträger.

          3 Min.

          Der Zivildienst gehört zum politischen Inventar der alten Bundesrepublik. In den Fernsehserien "Schwarzwaldklinik" und "Lindenstraße" waren Zivildienstleistende - sie hießen "Micha" und "Zorro" - Sympathieträger. Vor allem die sozialliberale Bundesregierung unter Willy Brandt hat einiges getan, um die gesellschaftliche Akzeptanz der Wehrdienstverweigerung zu verbessern; "Zivildienst" hieß nun, was bisher streng "Ersatzdienst" genannt worden war.

          Das Bundesverfassungsgericht machte die Möglichkeit des Zivildienstes allerdings ausdrücklich von der Gewissensentscheidung abhängig - die jungen Wehrpflichtigen verhielten sich dennoch so, als ob es faktisch eine Wahlfreiheit zwischen Panzer fahren und Betten machen gäbe.

          In den achtziger Jahren, nachdem die Wehrdienstverweigerung nur noch schriftlich mit einem kurzen Besinnungsaufsatz begründet werden mußte, wollten mehr als 20 Prozent eines Geburtsjahrgangs nicht den Dienst bei der Bundeswehr ableisten. Viele Bürger, die sich in der Notaufnahme über die "Drückeberger" mokierten, respektierten bald die Arbeit und vielleicht auch die Gewissensentscheidung der Wehrpflichtigen, die ihr im Grundgesetz garantiertes Recht auf Kriegsdienstverweigerung wahrnahmen. Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre hatten die Kriegsdienstverweigerer eines erreicht: Sie waren der Mainstream, aus der Minderheit war eine Massenbewegung geworden.

          Zivildienstleistende popularisierten sicher auch pazifistisches Denken in der Gesellschaft, was mit ein Grund für das weitverbreitete Unverständnis für die Auslandseinsätze der Bundeswehr sein mag. Auch wenn in den Jahren der großen Demonstrationen gegen die Nachrüstung die militärische Bedrohung durch den Warschauer Pakt fahrlässig ignoriert und so der Wehrdienst zu Unrecht abgewertet wurde, hat der Zivildienst dem Land doch mehr genutzt als geschadet.

          Er hat zur Verständigung der Generationen beigetragen, er hat vielen jungen Männern ein Verständnis für das Soziale und einen realistischen Einblick in die Gesellschaft gegeben. Manch ein Krankenpfleger oder Arzt hat sich während des Zivildienstes für seinen späteren Beruf entschieden. Und die Wohlfahrtsverbände profitierten von dieser Einrichtung bei der Nachwuchsrekrutierung. Schließlich hat er auch zur Erosion jenes vordemokratischen Verhältnisses zum Militär beigetragen, das in Deutschland lange vorherrschend gewesen war.

          Diese kleine bundesrepublikanische Erfolgsgeschichte ist aber kein hinreichender Grund, den Zivildienst für unverzichtbar zu halten. Was gestern gut war, muß unter veränderten Bedingungen nicht gut bleiben. Wenn, wie zu erwarten ist, die Wehrpflichtigenarmee durch eine Berufsarmee ersetzt wird, dann kann und wird es auch keine Zivis mehr geben.

          Wäre statt dessen ein Sozialdienst nötig? Seit langem halten es viele Politiker, besonders wenn über die Ursachen nachlassenden Gemeinsinns diskutiert wird, für angebracht, ein "soziales Pflichtjahr" zu fordern. Nun ist, erstens, ein solches Pflichtjahr verfassungsrechtlich problematisch, weil Artikel 12 im Grundgesetz die Freiheit der Berufswahl garantiert. Zweitens aber, und dies ist das gewichtigere Argument, läßt sich Gemeinsinn nicht staatlich verordnen. Bürgerschaftliches Engagement für Alteneinrichtungen, Krankenhäuser oder Kindergärten braucht zwei Voraussetzungen: Freiheit und Freiwilligkeit.

          Schon heute sind die strukturellen Schwächen des "Systems Zivildienst" zu erkennen: Die Dienstzeit - nach dem Willen der Bundesregierung wird sie im Herbst nur noch neun Monate betragen - ist schon mit den derzeitigen zehn Monaten für viele Einrichtungen zu kurz. Der Dienstleistende ist nur noch ein besserer Praktikant. Und daß Zivildienstleistende oftmals wie Vollzeitkräfte eingesetzt worden sind und so das Schaffen neuer Arbeitsplätze behindert haben, war immer schon ein Problem. Seit die Weizsäcker-Kommission ihre Empfehlungen zur Strukturreform der deutschen Streitkräfte vorgelegt hat, bereiten sich die großen Wohlfahrtsverbände auf den Tag vor, an dem kein Zivi mehr Erbsensuppe für ältere Menschen ausfährt. Deshalb reagieren sie unaufgeregt auf die beabsichtigte Reform der Bundeswehr: Die "Konversion" des Zivildienstes hat längst begonnen.

          Die Kommission zur Zukunft des Zivildienstes hat vorgeschlagen, daß Freiwilligkeit selbstverständlicher werden muß. Das wird heute schon praktiziert. Viele individuelle, auch auf das Engagement von Freiwilligen bauende Lösungen müssen künftig dazu beitragen, daß mit dem Ende des Zivildienstes der Personalmangel nicht zu groß wird. Die Fortbildung von Langzeitarbeitslosen zu Sozialhelfern, die Möglichkeiten der Mini-Jobs, die Förderung von freiwilligem Engagement und eines Freiwilligendienstes mit Bildungsgutscheinen und Anrechnung von Rentenzeiten, aber auch die Schaffung neuer Stellen, wo es nötig ist: dieserart werden die Antworten auf die Abschaffung des Zivildienstes sein. Die soziale Dienstpflicht, die große volkspädagogische Lösung, sollte sich das Land ersparen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Folgen:

          Topmeldungen

          CDU-Parteitag : Revolte abgesagt

          Annegret Kramp-Karrenbauer hält auf dem CDU-Parteitag keine Verteidigungsrede gegen ihre Kritiker, sie geht in die Offensive und stellt die Machtfrage. Und Friedrich Merz betont, die CDU sei „loyal zu unseren Vorsitzenden“.
          Guter Auftritt: Christine Lagarde während des European Banking Congress in der Frankfurter Alten Oper.

          Neue EZB-Präsidentin : Guter Start für Lagarde

          Nach acht Jahren Mario Draghi hat kürzlich Christine Lagarde die Führung in der Europäischen Zentralbank übernommen. Noch ist nicht klar, welchen Kurs sie inhaltlich verfolgen wird. Im Stil hat sie allerdings schon erste Zeichen gesetzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.