https://www.faz.net/-gpf-10xp1
 

Kommentar : Kongos Reichtum

  • -Aktualisiert am

Warten auf Nahrungsmittelhilfe in der Nähe von Goma Bild: dpa

Europas Diplomatie trägt im Kongo erste Früchte. Der französische und der britische Außenminister sollten allen Kriegsparteien ins Stammbuch schreiben: Der Reichtum des Landes muss endlich den Menschen zugutekommen.

          3 Min.

          Es ist, als wäre alles schon einmal dagewesen: Zehntausende Menschen fliehen, mit Bündeln und Kanistern bepackt, in langen Reihen durch eine fruchtbare Landschaft, sie versuchen den Kämpfern immer einen Schritt voraus zu sein, die sich mordend und plündernd von Ort zu Ort bewegen. Wieder wird von einer humanitären Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes gesprochen - dabei soll es schon vor dem abermaligen Ausbruch des Konflikts eine Million Flüchtlinge in Kongo gegeben haben.

          Als ob dieses Land, das so groß ist wie ganz Westeuropa und in dem es keine durchgehende Straße von einem Ende zum anderen gibt, nicht schon genug vom Elend gezeichnet wäre: Erst 2003 endete nach fünf Jahren ein schreckliches Blutbad, an dem auch die Nachbarstaaten Angola, Namibia, Zimbabwe, Uganda und Ruanda beteiligt waren und das darum "Afrikas Weltkrieg" genannt wurde.

          Regierungstruppen schlecht bezahlt und schlecht ausgebildet

          Dabei ging es - natürlich - nicht nur um politische Macht und um Streit zwischen den zahlreichen Ethnien, sondern vor allem auch um handfeste wirtschaftliche Interessen: Kongo ist eines der an Bodenschätzen reichsten Länder Afrikas. Es reicht als Erklärung deshalb nicht aus zu wissen, dass Rebellengeneral Nkunda zur Ethnie der Tutsi gehört und angeblich von Ruanda unterstützt wird. Bevor er im August mit dem Kämpfen wieder begann, soll er vielmehr auch gegen ein Abkommen protestiert haben, in dem die Regierung in Kinshasa ausgerechnet China für fünf Milliarden Dollar das Recht zum Abbau von Rohstoffen gewährt hat - von Gold und von Coltan, das man für die Herstellung von Leiterplatten benötigt, ohne die die Handys auf dieser Welt nicht funktionieren würden.

          Die Gewinne daraus mögen noch so groß sein - die lokale Bevölkerung hat wohl am wenigsten davon, und auch am Staatshaushalt fließen sie vorbei. So können sie auch nicht den Regierungstruppen zugutekommen, obwohl die noch immer aus Soldaten bestehen, die schlecht bezahlt, schlecht ausgebildet und wenig motiviert sind und die den Rebellen offenbar nichts wirklich entgegenzusetzen haben. Sicherheit? Bildung? Gesundheit? Im Osten Kongos, wo beinahe die Hälfte der Einwohner des Landes lebt, ist der Staat weitgehend abwesend. Und obwohl die Regierung in Kinshasa - ein kompliziertes Gebilde aus verschiedenen Parteien - gerade in diesen Tagen Führungsstärke beweisen müsste, hat Präsident Kabila das Kabinett gerade wieder umgebaut. Fachleute sprechen von "Elitenrecycling".

          Blauhelme nur „Touristen“?

          So sollen seit Jahren 17.000 UN-Soldaten die Lücke füllen, die die Regierung hinterlässt. Es ist die größte UN-Mission in der Geschichte - und trotzdem ist sie überfordert mit der Aufgabe, die Menschen vor den Angriffen der Milizen zu schützen. Da half es auch nichts, dass der UN-Sondergesandte Alain Dross schon vor Wochen vor einem neuen Krieg warnte und den UN-Sicherheitsrat darum bat, er möge ihm mehr Soldaten und bessere Ausrüstung zur Verfügung stellen. Dabei wäre wohl genau das das Gebot der Stunde. Nur so könnte schließlich auch dem Hass der Bevölkerung entgegengewirkt werden, der sich mancherorts eben nicht gegen die Regierung oder gegen die Rebellenmilizen gerichtet hat, sondern ausgerechnet gegen die uruguayischen und indischen Friedenssoldaten: Studenten in Kisangani bewarfen das UN- Hauptquartier mit Steinen. Die Blauhelme seien nur "Touristen", die dem Durcheinander tatenlos zusähen.

          Den speziellen Krisenreaktionskräften der EU, den "battle groups", würde es wohl nicht so ergehen, weshalb Frankreich und Belgien auch ihren Einsatz gefordert haben. Aber was genau könnten sie eigentlich ausrichten? Es ist ja nicht so, dass Europa in Kongo nicht schon seit Jahren engagiert wäre und dort manches Mal schon die Kastanien aus dem Feuer holte: 2003 war die EU militärisch in Bunia im Einsatz, 2006 sicherte sie unter Beteiligung der Bundeswehr die Wahlen. Denn auch wenn sie für das Elend und die Instabilität im Herzen Afrikas wirklich nicht verantwortlich sind, so kann man doch nicht behaupten, dass die Europäer das alles nichts anginge - etwa angesichts der Flüchtlinge, von denen sich immer mehr über das Mittelmeer nach Norden quälen, oder auch wegen der Bodenschätze, mit denen inzwischen andere ihr Geschäft machen. Von dem urmenschlichen Bedürfnis, anderen in Not zu helfen, einmal abgesehen.

          Es ist eine Debatte, die schon aus dem Darfur-Konflikt vertraut ist und die in Zukunft immer lauter geführt werden wird. Es geht um die Frage, ob man einfach den Fernseher ausschalten und darauf hoffen soll, dass Deutschland wohl so schnell nicht am Kivu-See verteidigt werden muss. Darum ist es ein gutes Zeichen, dass Europas Diplomatie an diesem Wochenende erste Früchte trägt - und nicht nur der EU-Entwicklungskommissar, sondern gemeinsam auch der französische und der britische Außenminister in die Region gereist sind. Allen Kriegsparteien sollten sie ins Stammbuch schreiben: Der Reichtum des Landes muss endlich den Menschen zugutekommen.

          Topmeldungen

          AKKs Schutzzonen-Vorstoß : Befreiungsschlag oder Sargnagel

          Kramp-Karrenbauers Vorstoß zur Errichtung einer Schutzzone in Syrien entspricht der Forderung, Deutschland solle mehr Verantwortung in der Weltpolitik übernehmen. Doch schon der Außenminister zieht das Verspotten vor.

          Trump und die Demokraten : Loben, um zu tadeln

          Die Demokraten seien zwar eine „lausige“ Partei, aber immerhin hielten sie zusammen, sagt der amerikanische Präsident. Mit seiner Bemerkung zielt Trump auf die eigenen Republikaner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.