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Kommentar : Juden und Christen

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Seit zwei Jahrtausenden wird die Geschichte unseres Kulturraumes von den Fragen des gegenseitigen Verhältnisses von Christen und Juden und ihren tragischen Erfahrungen begleitet - und trotzdem läßt ein Film, Mel Gibsons "The Passion ...

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          Seit zwei Jahrtausenden wird die Geschichte unseres Kulturraumes von den Fragen des gegenseitigen Verhältnisses von Christen und Juden und ihren tragischen Erfahrungen begleitet - und trotzdem läßt ein Film, Mel Gibsons "The Passion of the Christ", sie in beunruhigender Schärfe, ohne jede Beschwichtigung aufbrechen, sie hier und da sogar in religiösem Eifer explodieren. Es trifft zu: Jesus, Sohn einer jüdischen Mutter, Maria, an den die Christen als Sohn Gottes, als den "Gesalbten (griechisch: Christos) des Herrn" glauben, hat etwas Gegen-Jüdisches - allen Interpretationen, bibelwissenschaftlicher Gelehrtheit und theologischer Korrektheit zum Trotz. Der Jesus von Nazareth, aus dem Stamme Davids, der unter dem römischen Kaiser Augustus zu Bethlehem in der damaligen Provinz Iudaea des Imperium Romanum geboren wurde, der 30 Jahre später die Botschaft verkündete, er selbst - soweit ersichtlich, der Sohn eines Zimmermanns - sei der verheißene Messias, mit ihm breche das Reich Gottes an; dieser Jesus, der nach drei Jahren seines öffentlichen Auftretens, wie es in allen christlichen Glaubensbekenntnissen heißt, "für uns gekreuzigt wurde und unter (dem römischen Statthalter) Pontius Pilatus den Tod erlitten hat" - er, der Jude, steht gegen Juden, gegen ihre Heiligen Schriften und religiösen Traditionen, gegen die politischen Machthaber und sozialen Verhältnisse. Als "Rex Iudaeorum", so lautete die Inschrift über dem Kreuz ("INRI") in tragischer Pervertierung seines Anspruchs, wurde er hingerichtet.

          Daß darin Spannungen liegen, unauflösbare Antagonismen sich drängen, haben die ersten Anhänger des Jesus, also Apostel, Jünger, Frauen - Juden wie er -, von Anfang an gewußt und erfahren. Die Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, berichten aus ihrer "christlichen" Sicht von den Zusammenstößen dieses Jesus mit Schriftgelehrten und Pharisäern, davon, wie das Zerwürfnis zwischen dem einen, der sich aus göttlicher Sendung für auserwählt hält, und dem Volk, das von alters her sich von seinem Gott auserwählt glaubt, auf den gewaltsamen Tod am Kreuz zustrebt. Die "Apostelgeschichte" verfolgt weiter, wie aus der Auseinandersetzung unter Juden, zwischen der kleinen Gruppe derer, die an Jesus Christus als den Messias glauben, und denen, die davon nichts wissen wollen, eine neue Religion wird.

          Dazu trug bei, daß ein gewisser Paulus, auch er Jude und dazu Bibelgelehrter, die Bindung des Christlichen an das Judentum löste und den Glauben an den gekreuzigten und auferweckten Jesus den "Heiden", allen Völkern also, öffnete, ohne den Umweg über den jüdischen Mutterboden. Gab es zuerst nur Juden als Christen, so wuchs nun die Zahl "Heidenchristen" immer mehr. Den Launen und ehernen Gesetzen der Geschichte oder dem Ratschluß Gottes - aber welchen Gottes? - ist es zuzuschreiben, daß nicht die jüdische Hauptreligion die Heiden der Welt in sich aufnahm, sondern das Christentum.

          Weil Jüdisches und Christliches so eng miteinander verbunden sind, kamen sie nie voneinander los. Besitzergreifend nannten die Christen die Heiligen Schriften der Juden, des "Moses und der Propheten", das "Alte Testament" und ihren jungen Kanon aus Evangelien und Apostelbriefen das "Neue Testament". Sie sahen sich als das neuerwählte Bundesvolk Gottes, ohne den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu verleugnen, doch mit zunehmendem Abstand zu deren unmittelbaren Nachkommen. Fast unmöglich ist es, die Geschichte zwischen Christen und Juden kühl zu sichten. Selbst für den aufgeklärtesten Spötter Voltaire im 18. Jahrhundert war es ein Wunder, ein Gottesbeweis, daß die Juden diese Geschichte überlebten, einschließlich der Zerstörung Jerusalems und des Tempels unter dem altrömischen Kaiser Vespasian durch Titus (im Jahr 70), weiterer militärischer Strafaktionen im 1. und 2. Jahrhundert mit der Zerstreuung des jüdischen Volkes in die Diaspora. Und einschließlich der Jahrhunderte der Fremde, der Unterdrückung, des eben noch geduldeten Lebens am Rande, einer malträtierten Minderheit.

          Weil die eine Religion aus der anderen erwachsen ist, weil die "neue" die "alte" überwinden wollte, waren (und sind bei religiösem Ernst) die Anhänger sich gegenseitig stets ein Vorwurf. Da die Christen seit dem 4. Jahrhundert, seit der Verbindung zwischen weltlicher Macht und geistlichem Christentum in Europa, stets die Stärkeren und Zahlreicheren waren, kam es immer wieder zu Haßausbrüchen, Verfolgungen und Manifestationen des Antijudaismus (mit deutlich religiösen Elementen) und des Antisemitismus (mit mehr rassistischen Motiven). Man müßte das Christentum und seinen göttlichen Gründer Jesus Christus verwerfen, wenn hieran die eigene Religion, die besondere Beziehung zu dem eigenen Gott schuld gewesen wäre. Aber die europäische Geschichte seit der Aufklärung lehrt das Gegenteil. Je mehr die Menschheit in Europa aus der Unmündigkeit der Vernunft heraustrat und sich mutig ihres Verstandes bediente, desto mehr bereitete sie offenbar den Boden für einen Antisemitismus furchtbarer Dimension vor. Da halfen auch keine freiheitlichen Gesetze zugunsten der Judenemanzipation.

          Was im 19. und 20. Jahrhundert ohne, ja gegen die Religion in Rußland in den Pogromen, in Frankreich an bürgerlicher Hetze und schließlich im Namen des deutschen Nationalsozialismus gegen Juden geschah, übertraf alles, was sich die christlichen Kirchen und ihre Mitglieder früher je gegen "die Kinder des Volkes Israel" hatten zuschulden kommen lassen. Im "christlichen" Europa wüteten Christen ohne Christliches in Herz und Verstand. Wie könnten auch wahre Christen vergessen, daß in Jesus Christus "das Heil von den Juden kommt" und die Juden, wie es Papst Johannes XXIII. in christlicher Tradition einschärfte, "die älteren Brüder" der Christen sind. In einer Familie müssen Spannungen und Konflikte ausgehalten werden. Der Antisemitismus, der zu millionenfachem Mord geführt hat und noch heute in manchen Köpfen unter moralisierender Verbrämung herumspukt, ist etwas ganz anderes.

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