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Kommentar : Japan im Kinderzimmer

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Vor Jahren war beim Schneefest von Sapporo, das in einem Park im Stadtzentrum unter Mithilfe der Armee gebaute Schnee- und Eisfiguren von der Größe eines zweistöckigen Hauses präsentiert, auch ein bärtiger Alter zu sehen. Man dachte ...

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          Vor Jahren war beim Schneefest von Sapporo, das in einem Park im Stadtzentrum unter Mithilfe der Armee gebaute Schnee- und Eisfiguren von der Größe eines zweistöckigen Hauses präsentiert, auch ein bärtiger Alter zu sehen. Man dachte zunächst an einen der Ureinwohner der nördlichsten Insel Japans, einen Ainu. Aber sogleich wurde der Gast lachend belehrt: Es sollte der Alm-Öhi sein, aus Johanna Spyris "Heidi". Deutsche Kinder, die heute mit der schönen Geschichte der Schweizer Autorin überhaupt noch in Berührung kommen, kennen sie mit großer Wahrscheinlichkeit aus der japanischen "Heidi"-Fernsehserie, die auf dem Kinderkanal zu sehen ist.

          Japan hat seit langem großen Gefallen an der europäischen Kinderliteratur. So baute man das Steinauer Brüder Grimm-Haus nach, und die Märchenstraße gehört zu den beliebtesten Tourismuszielen der Gäste aus Fernost. Aber seit mindestens einem Jahrzehnt haben auch japanische Produkte für die Altersgruppe der Vier- bis Achtzehnjährigen einen beispiellosen Erfolg in westlichen Ländern verzeichnen können. Am Anfang stand der Walkman der Firma Sony. Bis dahin hatte man die Japaner für bloße Nachahmer der westlichen Technik gehalten - und sie waren es im Grunde auch hier, weil sie ein deutsches Patent benutzten. Aber allgemein gilt wohl, daß Japan in der Nachahmung eine eigentümliche Kreativität beweist: Produkte aus Japan sind leicht und handlich, wie der japanische Buddhismus praktischer ist als der indische. Der Walkman wurde zu einem Accessoire der Popwelt. Auch die Godzilla-Filme, die man in den frühen sechziger Jahren als Kuriositäten in den Billigkinos sehen und mit einem Lächeln bewundern konnte - sie waren so schlecht, daß es schon wieder Spaß machte -, fanden ihre Nachblüte in einer aufwendigen Produktion von Roland Emmerich, die allerdings gerade wegen ihrer amerikanischen Perfektion die Freunde der japanischen Produktionen enttäuschte.

          Vielleicht erleben wir tatsächlich in den Kinderzimmern einen Kulturkampf, bei dem die vielbeschworene Hegemonie der aus den Vereinigten Staaten importierten Bilderwelt eine massive Herausforderung erfährt. Japanische Comics, "Mangas" genannt, gehören für die einschlägigen Verlage wie Carlsen zu den Säulen des Geschäfts. Mit ihren kühnen Perspektiven erinnern die Zeichnungen an die traditionelle Bildwelt der japanischen Farbholzschnitte, auch wenn die nach dem Kindchenschema gezeichneten obligatorischen großen Augen erst in der Nachkriegszeit Mode wurden. Die Bilder wählen andere Ausschnitte als die Comics der amerikanischen Tradition, so daß es für Erwachsene, die mit den Fantastischen Vier oder Superman groß wurden, geradezu einer neuen Sozialisation bedarf, bis sie in den Geschichten, die ihre Kinder verschlingen, einen Sinn erkennen können.

          Meist sind es jugendliche Helden, die nach kurzer Zeit in Kämpfe und Zustände höchster Erregung geraten, mit weit aufgerissenem Mund erleben sie Explosionen oder werfen sich dem Feind entgegen. Auch das erinnert an ein Stilprinzip der japanischen Kunst: den Menschen im Moment hoher Anspannung zu zeigen. Ja, man kann vermuten, daß die Bereitschaft zur motorischen Spannung, die schon lange vor der Öffnung zum Westen die Japaner auszeichnete, der schnellen Assimilierung an die kapitalistische Wirtschaft zugrunde lag.

          Andererseits sind Comics wie die "Banzai"-Serie auch in ihrem Schwanken zwischen den Bildern unschuldiger Schulmädchen und der lolitahaften Sexualisierung des Mädchenkörpers nicht gerade zurückhaltend. Vielleicht ist Arthur Koestler dem Rätsel Japan am nächsten gekommen, als er feststellte, dort seien das spartanische und das hedonistische Ideal verschmolzen worden. Kurt Singer, ein anderer Kenner Japans, hat den hohen Wert der Ausdauer betont, und auch dafür bieten die kleinen Helden der Mangas und der auf sie zurückgehenden Anime-Filme manches Anschauungsmaterial. Hier findet man überaus schöne Serien, etwa die hierzulande erst in Comic-Form vorliegenden "Naruta"-Geschichten, die das ehrwürdig-alte, schintoistische Japan mit großer Kunst in eine Techno-Zukunft projizieren.

          Was das Spielzeug aus Japan betrifft, so ist die Halbwertszeit meist nicht groß. Die Tamagotchis, kleine elektronische Wesen in Eiform, die per Knopfdruck "gefüttert" und umsorgt werden mußten, sind längst wieder aus der Mode. Nicht durchgesetzt hat sich auch der Roboter-Hund der Firma Sony, sicher wegen des exorbitanten Preises. Aber nicht nur deshalb. Die Verkindlichung und Sentimentalisierung der Tierwelt im Bild und in der Virtualität ging bis vor kurzem in Japan mit einer äußerst harten Behandlung des lebendigen Tieres einher. Haustiere verdienten bis vor wenigen Jahren diesen Namen nicht wirklich: Der Hund blieb bei Wind und Wetter in der Hütte vor der Tür, weil seine Anwesenheit im Haus sich mit den Reinlichkeitsregeln nicht vertragen hätte; als Kamerad der Familie konnte er kaum gelten. Erst in jüngster Zeit hat sich hier ein Wandel vollzogen, Hunde sind in Mode. Das Kätzchen behauptet sich in der Form von japanischen "Hello Kitty"-Produkten in den Mädchenzimmern der Welt. Wer sich im Internet mit diesen Worten auf die Suche begibt, erhält die kaum glaubliche Zahl von 1 330 000 Antworten.

          Und noch etwas sehr Japanisches gibt es, was die Spiele und Comics vermitteln. Seit den Anschlägen der Aum-Sekte auf die Tokioter U-Bahn ist es offensichtlich geworden, daß in der japanischen Gesellschaft eine religiöse Leere herrscht. Manche Comics, etwa die Reihe "Neon Genesis Evangelion", präsentieren deshalb ein Chaos von globalen Religionsfragmenten. Nach den ersten Bildern aus dem Jahr 2015 - sie zeigen, nicht ohne Witz, Blauhelm-Panzer als Küstenwache des Inselreiches - erfährt man, daß Aliens die Erde angegriffen haben. Sie nennen sich "Engel". Am Verhältnis zu den Tieren und zu den Göttern, so könnte man die Botschaft aus Japan übersetzen, entscheidet sich, wer wir sind.

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