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Kommentar : Islam in unserer Mitte

Muslime in einer Moschee in Wien, aufgenommen im Oktober 2013 Bild: Picture-Alliance

Was Österreich anstrebt, wollen alle in Europa: Die Muslime sollen einen heimischen Islam hervorbringen. In Deutschland muss noch einiges in Bewegung kommen.

          Das neue österreichische Islamgesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn es schafft einen verbindlichen Rahmen für das religiöse Leben der Muslime und ihre Integration in die österreichische Gesellschaft. Damit der Leitsatz des Gesetzes – „der Islam gehört zu Österreich“ – eine breite gesellschaftliche Akzeptanz findet, wird sich der in Österreich praktizierte Islam weiter von dem Islam der Herkunftsländer der Muslime abnabeln müssen. Selbstverständlich sind die Formulierungen im Gesetz, dass das staatliche Recht über dem religiösen steht und dass sich die Muslime zur Gesellschaft und dem Staat, in dem sie leben, bekennen müssen.

          Gefragt ist dazu ein Islam, der mit der Lebenswirklichkeit der Muslime hierzulande in Einklang steht. Was Österreich anstrebt, wollen alle in Europa: Die Muslime sollen einen einheimischen Islam hervorbringen, letztlich einen Euro-Islam. Das bedeutet auch, dass Imame dann nicht mehr in dem Maße wie bisher aus der Türkei entsandt und dass etwa aus Saudi-Arabien keine Gelder mehr zu Finanzierung von Moscheen angenommen werden dürfen.

          Wenn der Islam zu Österreich gehört, muss auch die Ausbildung der Imame in Österreich erfolgen. Hier setzen die praktischen Probleme ein, von deren Lösung Deutschland lernen kann: Wie wird die Regierung in Wien etwa die finanzielle Ausstattung der Moscheegemeinden sicherstellen, wenn sie selbst für die Einstellung eines (dann in Österreich ausgebildeten) Imams keine eigenen Mittel haben? Oder wie geht Wien mit dem Zeugnisverweigerungsrecht für muslimische Gefängnisseelsorger um? Wie setzt Wien praktisch das Versprechen um, islamische Feiertage zuzulassen?

          Solche Fragen werden in Deutschland erst lösbar sein, wenn die Muslime eine Form der rechtlichen Selbstorganisation finden und der Islam eine Körperschaft des öffentlichen Rechts wird. Dazu gibt es eindeutige Kriterien: Eine Religionsgemeinschaft darf nicht von einem fremden Staat abhängig sein, und sie muss die religiösen Bedürfnisse in vollem Umfang abdecken. Ein Verband, der von einem fremden Staat bezahlt wird, ist aber keine solche Religionsgemeinschaft. Auch in dieser Frage ist uns Österreich voraus; in Deutschland ist indes einiges in Bewegung gekommen. Das ist auch nötig. Denn die Muslime leben in unserer Mitte, und die Mehrheitsgesellschaft hat ein Interesse daran, dass ihre Integration gelingt.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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