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Kommentar : Irakische Schicksalsfrage

Nuri al Miliki (Mitte) verkündete am Donnerstag seinen Rücktritt. Links neben ihm steht sein Nachfolger Haidar al Abadi Bild: AP

Das starrköpfige Festhalten Nuri al Malikis an der Macht hat den Irak wertvolle Monate gekostet. Sein Nachfolger muss nun versuchen, den Staat zusammenzuhalten.

          Der Irak hat wegen des starrköpfigen Festhaltens Nuri al Malikis an der Macht wertvolle Monate verloren. Im April hatten die Iraker ein neues Parlament gewählt. Die Abgeordneten konnten aber keine Regierung bilden, weil Maliki trotz wachsenden Widerstands Ministerpräsident bleiben wollte. Das Land war gelähmt, und der Islamische Staat nutzte das Vakuum, um ein Drittel des Iraks, die sunnitischen Provinzen, zu erobern.

          Der Bürgerkrieg in Syrien war der Inkubator für den Islamischen Staat, Malikis Politik hat diesen aber groß und noch gefährlicher werden lassen. Sein unfreiwilliger Rückzug kommt viel zu spät, seine acht Jahre währende Amtszeit war eine vertane Chance. Statt den Sturz Saddam Husseins für einen Neubeginn zu nutzen, hat Maliki die Sunniten ausgegrenzt und so das Land in eine Sackgasse und an den Rand der Spaltung geführt.

          Malikis designierter Nachfolger Haidar al Abadi tritt ein schweres Erbe an. Anders als der polarisierende Maliki genießt Abadi, der wie jener in der schiitischen Daawa-Partei groß geworden ist, jedoch das Vertrauen der Sunniten und der Kurden. Seine erste Prüfung wird sein, rasch eine Regierung zusammenzustellen, in der sich alle großen Gruppen des Landes wiederfinden. Dann muss er die staatlichen Institutionen den Sunniten öffnen. Das gilt vor allem für die Armee, die Maliki zu einer schiitischen Miliz degradiert und in einem Maße geschwächt hat, dass sie dem „Islamischen Staat“ nicht Stand hielt. Nur wenn Abadi den Sunniten in Bagdad eine politische Mitsprache ermöglicht, werden sie bereit sein, mit der Regierung gegen den Islamischen Staat zu kämpfen.

          Abadi hat es in der Hand, das Auseinanderbrechen des Iraks doch noch zu verhindern. Dazu wird er den Kurden weitere Zugeständnisse machen müssen; vielleicht muss er ihnen die umstrittene Stadt Kirkuk überlassen. Anders als Kurden und Sunniten haben die Schiiten ein Interesse am Erhalt des irakischen Staats in den heutigen Grenzen. Denn viele Schiiten leben außerhalb des möglichen schiitischen Teilstaates im Süden; sie gegen sunnitische Fanatiker zu schützen wäre nach einer Spaltung des Iraks noch schwieriger. Auch hätte Bagdad keinen Einfluss mehr auf die Gebiete, die heute dem Islamischen Staat unterstehen. Unter Abadi wird sich entscheiden, ob es auch künftig einen Staat Irak gibt.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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