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Kommentar : Hunger in Afrika

  • -Aktualisiert am

Wieder drohen in Afrika Hungersnöte. Doch über die wahren Ursachen herrscht Schweigen.

          3 Min.

          Wie schnell es gehen kann: Gerade einmal sechs Monate ist es her, da wurde der Welt erklärt, dass in Somalia sowie in Teilen von Kenia und Äthiopien bis zu zwölf Millionen Menschen vom Hungertod bedroht seien. Grund dafür seien eine lang anhaltende Dürreperiode und zwei Missernten. Die Vereinten Nationen forderten 1,6 Milliarden Dollar zur Bekämpfung dieser Hungersnot, und die Internationale der Nichtregierungsorganisationen tat, was sie immer tut in so einem Fall: Sie rief – untermalt mit drastischen Bildern – zu Spenden auf.

          Sechs Monate später gibt es keine Hungersnot mehr in Somalia. Ganz offiziell. Somalia, so ließ das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen zu Beginn des Monats in Nairobi verkünden, sei nicht mehr „aktuell von Hunger bedroht“. Die Lebensmittelversorgung in allen zuvor als Krisengebiete identifizierten Regionen sei inzwischen stabil. Der neue Befund hat mit den teilweise hysterischen Versuchen, Nahrung um jeden Preis nach Somalia bringen zu wollen, nur wenig zu tun. Die Regenfälle in der Region waren ergiebig, die Ernten dementsprechend gut.

          Wie viele Menschen tatsächlich an Unterernährung gestorben sind, weiß niemand. Die Zahlen, die von den Hilfsorganisationen verbreitet werden, nämlich mehrere zehntausend Opfer, ist genauso aus der Luft gegriffen wie die Zahl der auf dem Höhepunkt der Krise angeblich vom Hungertod Bedrohten, die mit der kompletten Einwohnerschaft der Niederlande gleichgesetzt wurde.

          Trotz der verbesserten Nahrungslage seien mehr als zwei Millionen Somalier und damit ein Drittel der Gesamtbevölkerung nach wie vor bedroht, teilten jetzt die Vereinten Nationen mit. Das Welternährungsprogramm rechnete vor, dass genau hundert Tage Zeit blieben, bis zur nächsten Regenzeit, um eine neue Hungersnot abzuwenden. Doch wo genau droht die Not? In Kenia, Äthiopien oder auch den selbstverwalteten somalischen Regionen nördlich der Hauptstadt Mogadischu hat sich die Lage so verbessert, dass die Menschen mit der neuen Ernte Vorräte anlegen können. Wo das nicht der Fall ist, regiert die radikalislamische Terrorgruppe al Shabaab. Das ist mit Sicherheit kein Zufall.

          Hunger besiegen heißt, die Extremisten besiegen

          Hunger im 21. Jahrhundert ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Lebensmittel stehen jederzeit an jedem Ort der Welt zur Verfügung, wenn auch zu einem hohen Preis. Das ist das Fazit eines Symposiums an der Harvard-Universität, wo sich vor einiger Zeit namhafte Forscher über das „Phänomen Somalia“ gebeugt haben. Heutzutage seien Hungersnöte immer von Menschen gemacht, so die Forscher. Der verheerende, von Menschen gemachte Faktor in der somalischen Lebensmittelkrise sei die Terrorgruppe al Shabaab. Wenn man also den Hunger und die sich wiederholenden Lebensmittelengpässe in Somalia ausrotten will, muss man das Grundübel beseitigen: die Extremisten.

          Es war der Hunger, oder genauer gesagt: der Versuch von al Shabaab, die hungrigen Menschen mit Lebensmittelzuteilungen zu erpressen, der die Bärtigen die letzten Sympathien in Mogadischu gekostet hat und sie schlussendlich zur Aufgabe der Stadt bewegte; auch die fortgesetzten Angriffe der Friedenstruppe der Afrikanischen Union, Amisom, trugen dazu bei. Doch weil es viel Geld für Lebensmittel, aber kein Geld für eine Truppenverstärkung von Amisom gab, konnte sich al Shabaab ungehindert im Süden des Landes festsetzen – die Gegend, von der die Vereinten Nationen vermutlich zu Recht glauben, dort seien immer noch mehr als zwei Millionen Menschen in Not. Die Region galt einst als der „Brotkorb Somalias“, weil sie über ein ausgeklügeltes, noch von den italienischen Kolonialherren errichtetes Bewässerungssystem verfügt. Nun also wird wieder darüber nachgedacht, wie man al Shabaab schöne Augen machen kann, um doch noch ein bisschen helfen zu dürfen. Damit wird aber das eine Übel mit dem noch größeren Übel bekämpft. Es wäre deshalb an der Zeit, dass die Hilfsorganisationen einer militärischen Intervention nicht länger im Wege stehen. Die Schrecken, die eine solche Intervention bedeutet, verwandeln sich langfristig in ein ausgesprochen humanitäres Unternehmen.

          Doch die Karawane zieht unterdessen weiter: Die Organisationen warnen vor einer „Lebensmittelknappheit“ und einer „drohenden Hungersnot“ auch im Sahel, insbesondere in Niger, und appellieren an das „Gewissen der Welt“. Auch das gab es schon einmal: 2005, als in Niger eine Ernte ausgeblieben war. Wie in Somalia ist auch die Krise in Niger eine von Menschen gemachte. Ihren Ursprung hat sie in einem Bevölkerungswachstum, das dafür sorgt, dass immer mehr Menschen von den Erträgen immer kleinerer Parzellen ernährt werden müssen. Der Hunger wird sich deshalb solange verschlimmern, solange die Ursache dafür nicht angegangen wird: ein islamischer Bildungskodex, der – befeuert durch die Koranschulen – Mädchen Bildung verweigert und Frauen auf die Rolle von Gebärmaschinen reduziert. Darüber schweigen die Hilfsorganisationen. Wirklich geholfen ist damit niemandem.

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