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Kommentar : Hepimiz insaniz

„Wir alle sind Menschen.“ Diese Worte hat der türkische Ministerpräsident in Ludwigshafen den zumeist türkischen Zuhörern zugerufen. Seither hat Erdogan bei den Deutschen vermutlich einen Stein im Brett. Dennoch fällt es nicht leicht, Erdogans staatsmännische Größe zu erkennen.

          Hepimiz insaniz - das heißt: Wir alle sind Menschen. Diese Worte hat der türkische Ministerpräsident Erdogan in Ludwigshafen den zumeist türkischen Zuhörern zugerufen, über das Fernsehen haben sie Millionen weitere Türken und Deutsche erreicht. Seither hat Erdogan bei den Deutschen vermutlich einen Stein im Brett - und wenn er nicht Türke wäre, sondern Amerikaner oder Franzose, würde man seinen Namen in einem Atemzug mit dem Kennedys und de Gaulles nennen, die es einst auch vermocht hatten, das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt zu finden. Aber auf Türken schaut man in Deutschland und Westeuropa wegen des ökonomischen und zivilisatorischen Rückstands des Landes immer auch ein wenig herab.

          Daher fällt es nicht leicht, Erdogans staatsmännische Größe zu erkennen. Man soll den Staatsmann nicht vor seinem politischen Abend loben. Dennoch vertut man sich nicht, Erdogan einen Großen zu nennen, dem nicht viele das Wasser reichen können. Auch innenpolitisch ist er Steuermann eines tiefgreifenden Wandels, unter seiner Führung löst sich die Türkei aus der kemalistischen Ordnung - wobei der „Islamismus“ Erdogans doch unmöglich mit dem fanatischer Terroristen gleichgesetzt werden kann.

          „Unsere Zivilisation“

          Seine Partei nimmt in Anspruch, ihr Weltbild aus der Religion abzuleiten; das tut die CDU auch. Dass es geboten sei, die Menschen als Gottes Geschöpfe und in ihnen Gott selbst zu lieben, wird man CDU-Politiker allerdings kaum sagen hören; das klingt uns pathetisch.

          Aber Erdogan hat es in Ludwigshafen gesagt - und sich dabei auf „unsere Zivilisation“ berufen. Niemals tritt er als derjenige auf, dem Integration abverlangt wird wie eine Leistung; obwohl dieser Anspruch (an Personen) nicht nur die deutsche Ausländerdebatte, sondern auch die Beitrittsverhandlungen mit der EU (an ein ganzes Land) kennzeichnet. Vorschläge wie die, türkische Lehrer nach Deutschland zu senden und türkische Universitäten zu gründen, zeugen von einem Selbstbewusstsein, das nicht in unser vielleicht doch etwas herablassendes Türkenbild passt. Der Mann ist, schluck, eine Art Aufklärer.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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