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Kommentar : Guttenbergs Geister

Just an dem Tag, an dem die „Gorch Fock“ nach Kiel zurückkehrt, holt den ehemaligen Verteidigungsminister auch die Affäre ein, die ihn zum Rücktritt zwang. Die Schauergeschichten über das Segelschulschiff sind weitgehend widerlegt. Guttenbergs Beteuerung, er habe in seiner Dissertation nicht absichtlich getäuscht, ist es jetzt auch.

          Das Skandalschiff ist zurück. Nach allem, was bisher über die umstrittenen Vorgänge auf der „Gorch Fock“ bekannt wurde, ist der Skandal aber wohl weit weniger auf der Drei-Mast-Bark anzusiedeln als vielmehr in manchen Redaktionsstuben und auch Politikerbüros.

          Auf dem Schiff hat es marineübliche Gebräuche, die unvermeidbare seemännische Lautstärke, aber auch dienstliche Versäumnisse gegeben, letztere wohl auch an jenem Tag, an dem eine Offiziersanwärterin aus der Takelage stürzte und starb. Eine Kreuzung aus Bordelldampfer und Galeere unter einem Kapitän Bligh, auf der die Kadetten kurz vor der Meuterei standen, wie es manche Sensationsgeschichten nahelegten, die offenbar bis in die Politik hineinwirkten, war der Stolz der Deutschen Marine aber wahrlich nicht. Der Schimpf-und-Schande-Segler, der die Seiten des Boulevards durchpflügte, ist ein Geisterschiff gewesen.

          Suspendierung aus „Fürsorgepflicht“?

          Ursprünglich hatte sich auch der damalige Verteidigungsminister zu Guttenberg gegen Vorverurteilungen von Führung und Stammbesatzung der „Gorch Fock“ gewandt. Seine rasch nachfolgende Entscheidung, den Kommandanten aus „Fürsorgepflicht“ zu suspendieren, sah aber nicht nur für Marineoffiziere eher wie die Selbstschutzmaßnahme eines Politikers aus, der dieses Manöver nicht zum ersten Mal fuhr.

          Der Nachfolger, der nicht die Nähe der bunten Blätter sucht, lässt da eine andere Art der Vorsicht walten. Der Bericht der Marinekommission, nach dem sich die Vorwürfe größtenteils als nicht haltbar erwiesen hatten, genügte ihm für ein abschließendes Urteil nicht. Er will auch noch die Havarieverhandlung und die staatsanwaltlichen Ermittlungen abwarten. Guttenberg war in einer anderen Entscheidungslage. Doch auch in diesem Fall zeigt sich, dass es nicht unklug sein muss, eher dem eigenen Urteilsvermögen und bewährten Leuten zu vertrauen als irgendwelchen Einflüsterern.

          Wie es der Zufall so will, legt just an dem Tag, an dem die „Gorch Fock“ nach Kiel zurückkehrt, die Universität Bayreuth ihr Gutachten über Guttenbergs Dissertation vor. Er habe die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei „vorsätzlich getäuscht“.

          Das ist eine andere Geschichte. Doch verdunkelt auch und gerade sie weiter das Bild eines Politikers, der bis zu seinem Rücktritt das Gegenteil beteuert hat, zuletzt noch vor dem Deutschen Bundestag, und dem die Leute glauben wollten, fast um jeden Preis.

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