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Kommentar : Fünfzehn Jahre bescheidener

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Das Zusammentreffen mag zufällig sein, symbolträchtig ist es allemal: Am Vorabend des 15. Jahrestages des 17. November 1989, an dem die "sanfte Revolution" in Prag begann, brachte eine Senatswahl den letzten ehemaligen Dissidenten um die Rolle eines Hauptdarstellers auf der politischen Bühne.

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          Das Zusammentreffen mag zufällig sein, symbolträchtig ist es allemal: Am Vorabend des 15. Jahrestages des 17. November 1989, an dem die "sanfte Revolution" in Prag begann, brachte eine Senatswahl den letzten ehemaligen Dissidenten um die Rolle eines Hauptdarstellers auf der politischen Bühne. Petr Pithart, zur Zeit noch Senatspräsident, hat so gut wie keine Aussicht, noch einmal in dieses zwar politisch bedeutungslose, aber dekorative Amt gewählt zu werden. Wie vor ihm andere Protagonisten der Novemberrevolution - die Tschechen Dienstbier, Kocáb, Ruml und Havel, die Slowaken Carnogurský, Miklosko, Gal und Knazko - nimmt er auf der Ehrenbank Platz, welche die Geschichte jenen zuweist, von denen sie sich zwar noch kommentieren, aber längst nicht mehr gestalten lassen will.

          Die Feiern zum 15. Jahrestag obliegen nun anderen. Václav Klaus wäre hier an erster Stelle zu nennen. Der Präsident war schon immer der Meinung, daß das kommunistische Regime nicht an der kleinen Minderheit der Intellektuellen scheiterte, die die Charta 77 unterzeichnet hatten, sondern an der ebenso unspektakulären wie effizienten ökonomischen Sabotage durch die überwältigende Mehrheit der sozialistischen Werktätigen. Nicht dem doppelschwänzigen böhmischen Löwen gebührt demnach die Ehre, sondern den vielen kleinen böhmischen Maulwürfen unter den Fundamenten des realsozialistischen Gemeinwesens. Das ist eine plausible und in der tschechischen Gesellschaft naturgemäß populäre Erklärung, weil auch jeder kleine Defraudant gerne hört, daß er einen Beitrag für die Befreiung des Vaterlandes geleistet habe.

          Ministerpräsident Stanislav Gross, der im Wendejahr zwanzig Jahre alt war und gerade erst seine Lehre als Elektromechaniker abgeschlossen hatte, hat zu den Novemberereignissen einen eher pragmatischen Zugang. Er umgibt sich gerne mit Mitarbeitern, die sich ihre Fähigkeiten im Dienste der kommunistischen Polizei und des Staatssicherheitsdienstes erworben hatten. Welche Meinung er sonst zum 17. November hat, ist unklar, was aber niemanden stört, weil es niemanden interessiert. Dies auch deshalb, weil der Ministerpräsident vielleicht schon in wenigen Monaten nicht mehr Gross heißen wird. Die politischen Verhältnisse in der Tschechischen Republik sind volatil wie schon lange nicht mehr.

          Einer von fünf Tschechen wählt weiter kommunistisch, und einer von fünf vertritt in Umfragen die Meinung, dem Lande sei es vor dem 17. November 1989 besser gegangen als heute. Der Unzufriedenheitspegel liegt zwar unter dem Durchschnitt der postkommunistischen Länder. Aber nur in der Tschechischen Republik schafft es eine durch und durch reformresistente kommunistische Partei, daraus ordentlich politisches Kapital zu schlagen. Ihre Behauptung, vor dem November 1989 seien zwar "viele Fehler" begangen worden, aber längst nicht so viele "Ungerechtigkeiten" wie danach, fällt auf fruchtbaren Boden. Zu den böhmischen Gemeinplätzen zählt, daß die sanfte Revolution zu sanft war. Wie anders als sanft aber hätte sie mit den Kommunisten auch verfahren können, da das alte Regime auf dem Verhandlungsweg abgelöst wurde?

          Als "nebojovnost", als Aversion gegen Gewalt, hatte der tschechoslowakische Staatsgründer Tomás G. Masaryk einst unter Berufung auf Herder den vornehmsten Zug des slawischen und insbesondere des tschechischen Charakters definiert, eine Friedfertigkeit, die sie von den kriegerischen Germanen und Romanen unterscheide. Die daraus abgeleitete moralische Überlegenheit hat sich in der tschechischen Selbstwahrnehmung über die Jahrzehnte hindurch zum missionarischen Anspruch verdichtet, in der Verfolgung der eigenen nationalen Ziele stets auch einen Beitrag zur Humanisierung Europas und der Welt zu leisten. Dementsprechend wurden die weniger schönen Kapitel aus der Logik der Nationalgeschichte ausgeschieden und ursächlich negativem ausländischen Einfluß zugeschrieben - zuerst dem deutschen, dann dem russischen.

          Die tschechischen Dissidenten, die im November 1989 von einer Woge nationaler Begeisterung an die Macht getragen wurden, hatten sich hier als die wahren Erben Masaryks erwiesen. Ihr Projekt einer spirituellen und ästhetischen Rundumerneuerung des Tschechentums scheiterte jedoch an den kruden Erfordernissen des Systemwechsels, den die von der großen Demonstration am 17. November 1989 auf der Prager Nationalstraße ausgelöste Kette der Ereignisse möglich gemacht hatte. Der Wechsel von der Kommandowirtschaft zur freien Marktwirtschaft, die Etablierung klassischer politischer Parteien, die Integration des Landes in die europäischen und transatlantischen Strukturen haben die Tschechische Republik in ein weitgehend normales Land mit weitgehend normalen Problemen verwandelt.

          Gewiß hat es auf diesem Weg Rückschläge gegeben - zum Beispiel die Bankenkrise Mitte der neunziger Jahre, die als Folge eines nationalistisch verengten Privatisierungsprozesses eingetreten war und den Tschechen ihren Ruf als Musterschüler der liberalen Wirtschaftsreformen kostete. Aber die großen Katastrophen sind ausgeblieben. Es kam entgegen den Prognosen der Linken weder zu Massenelend und Massenarbeitslosigkeit noch zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch als Folge der Auflösung der tschechoslowakischen Föderation. Heute sind es die tschechischen Politiker, die sich an der Reformdynamik der Slowakei ein Beispiel nehmen können.

          Die Selbstwahrnehmung der tschechischen Nation fünfzehn Jahre nach dem 17. November 1989 ist pragmatischer und bescheidener geworden, es herrscht Mißtrauen gegenüber gesellschaftlichen Experimenten jeglicher Art. Die Tschechen sehen sich nicht mehr dazu ausersehen, die Welt zu verbessern; es reicht ihnen, sich in ihr einigermaßen zurechtzufinden.

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