https://www.faz.net/-gpf-6zi5l
 

Kommentar : Freiheit für alle

  • -Aktualisiert am

Die Freiheit ist bei Joachim Gauck zum Grundrauschen geworden. Doch als Bundespräsident ist es seine Aufgabe, die Lebensthemen von 82 Millionen Menschen zur Sprache zu bringen. Nicht nur sein eigenes.

          Am Donnerstag hielt Joachim Gauck eine Rede in der Paulskirche. Eine Stiftung, die Stipendien an begabte Migrantenkinder vergibt, hatte ihn zur Feier ihres zehnjährigen Bestehens eingeladen. Um den Bundespräsidenten zu hören, waren auch Hunderte der Stipendiaten nach Frankfurt gekommen. Die Mädchen trugen schöne Kleider, die Jungen Anzüge, alle waren gespannt darauf, was Gauck zu sagen hatte. Gauck sagte dies und das, und dann sagte er, dass „der ersehnte Computer die Freiheit zum Lernen schenken“ könne. Endlich war er beim Thema.

          Einen Bundespräsidenten, der Freiheit schlecht findet, gab es bisher noch nicht. Er wäre wohl ziemlich unbeliebt gewesen. Joachim Gauck aber schickt sich an, aus der Masse der Freiheitsfreunde herauszustechen. Es sieht so aus, als wollte er die Freiheit unbedingt besser finden als alle vor ihm. Damit müsste er ziemlich beliebt sein - was er auch ist. Die Freiheit ist sein Lebensthema. Die Gründe dafür, heißt es, lägen in seiner Biographie. Andere Menschen haben eigene Biographien, aber wenn sie Gauck zuhören, müssen sie denken, auch ihr Lebensthema müsste die Freiheit sein.

          „Ein Meer der Freiheit“

          Als der Präsident der Mongolei im Schloss Bellevue zu Gast war, sagte Gauck: „Ich bin sicher, die Mongolen werden sich ihre mühsam errungene Freiheit nicht wieder nehmen lassen.“ Beim Antrittsbesuch in Baden-Württemberg stellte er zufrieden fest: „Die Tradition der Freiheit ist lang und lebendig im Südwesten.“ Als der Großherzog Henri von Luxemburg ihn in Berlin besuchte, frohlockte Gauck: „Nicht zuletzt dank des Engagements Luxemburgs ist Europa zum weltweit größten Raum der Freiheit geworden.“ Und auf einer Feier aus Anlass der Ostseetage pries der Bundespräsident folgerichtig das Salzwasser: „Das Baltische Meer ist ein Meer der Freiheit geworden.“

          Das alles in den ersten sechs Wochen seiner Amtszeit. Ein Bundespräsident ist keine Wagner-Oper, er braucht kein Leitmotiv, um gut zu sein. Es reicht, wenn er über Politik nachdenkt und sagt, was dabei herauskommt. Joachim Gauck ist ein kluger Mann mit einer sonoren Stimme im höchsten Amt des Staates, er muss sich keine Sorgen darüber machen, dass ihm in absehbarer Zeit niemand mehr zuhören könnte. Er muss nicht dauernd sein Lob der Freiheit variieren. In seiner Antrittsrede reichte ein guter Satz über Feigheit und Mut, um sie unvergesslich zu machen.

          Jeder schmückt sich mit dem Bekenntnis zur Freiheit

          In den Sätzen davor hatte Gauck jedoch gemutmaßt, dass sein Lebensthema, die Freiheit, Menschen Angst machen könnte. Aber stimmt das? Viele Menschen haben Angst vor anderen Menschen, die Freiheit missbrauchen. Und sie haben Angst vor der Verantwortung, die Freiheit mit sich bringt. Über andere Menschen und über Verantwortung kann man streiten. Darüber kann es Debatten geben, von denen Deutschland profitiert. Darüber, dass Freiheit wichtig ist, nicht.

          Das lässt sich auch daran erkennen, dass jeder Depp und alle Parteien sich mit dem Bekenntnis zur Freiheit, was auch immer sie darunter verstehen, schmücken oder früher einmal schmückten: von der CDU („Auch morgen in Freiheit leben“) bis zu den Piraten („Freiheit statt Angst“), von der Linken („Freiheit und Sozialismus“) bis zur NSDAP („Arbeit, Freiheit und Brot“). Eine rechtspopulistische Partei nannte sich im Jahr 2010 gleich ganz Die Freiheit („Wir lieben Freiheit“). Besonders viele Wähler hat sie bis heute zwar nicht gefunden; dass eine Partei namens Die Unfreiheit erfolgreicher wäre, ist jedoch unwahrscheinlich. Es tut keinem wirklich weh, wenn der Bundespräsident von Freiheit spricht. Es hilft aber auch keinem.

          Joachim Gauck produziert in seinen Büchern und Reden ein freiheitliches Grundrauschen, das zwar nicht alles andere übertönt, aber immer mitklingt. Wie ein Tinnitus stört es beim Nachdenken und lenkt ab von dem, was der Bundespräsident eigentlich sagt. Jugendliche in Deutschland, die ihren ersten eigenen Computer bekommen, freuen sich weniger über die „Freiheit zum Lernen“ als über Chatprogramme und iTunes; bestimmt freuen sie sich auch über Wikipedia. Es ist schön, dass eine Stiftung armen Migranten Laptops schenkt. Das ist alles. Es ist ohne Freiheitsbeschwörung wichtig genug.

          Lebensthemen und Laberthemen liegen manchmal nicht weit auseinander. Manchmal aber doch: wenn Gauck aus eigener Erfahrung spricht. Von der Unfreiheit in der DDR kann er lehrreich erzählen, und er soll es immer wieder tun. Doch als Bundespräsident ist es seine Aufgabe, die Lebensthemen von 82 Millionen Menschen zur Sprache zu bringen. Nicht nur sein eigenes.

          Am Donnerstag, als Joachim Gauck in der Paulskirche sprach, stand in den Zeitungen, dass er eine Reise in die Ukraine abgesagt habe. Aus Protest gegen den Umgang der Regierung dort mit der schwerkranken Julija Timoschenko, die gefangen gehalten wird. Dieses Signal für die Freiheit war stärker als alle Sätze über sie in Gaucks Festrede.

          Topmeldungen

          Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

          Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.

          Zukunftsforscher : „Es wird auf jeden Fall keine zweite Greta geben“

          Greta Thunberg gilt als das Gesicht schlechthin, wenn es um den Kampf gegen den Klimawandel geht. Zukunftsforscher Matthias Horx erklärt, was die Sechzehnjährige mit Winston Churchill, Albert Einstein und Bob Marley gemeinsam hat.
          Die Botschaft der Demonstrantin vor dem Supreme Court ist klar: „Kein Parlament, keine Stimme!“

          Großbritannien : Supreme Court verhandelt über Parlamentspause

          In der Verhandlung über die Zwangspause des Parlaments hagelt es Kritik am britischen Premierminister. Der Anwalt der Hauptbeschwerdeführerin wirft Boris Johnson vor, Verfassungsgrundsätze auf den Kopf zu stellen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.