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Kommentar : Die Kirche und der Krieg

Auch die Kirchen, hier das zerstörte Gotteshaus von Ornes bei Verdun, litten unter den Verheerungen des Ersten Weltkrieges Bild: dpa

Kaum eine Institution hat mehr aus ihrer Geschichte gelernt als die evangelische Kirche. Deutschland soll sich militärisch zurückhalten. Aber hält die Position modernen Herausforderungen stand?

          Die Kirchen haben einen Wunsch an die Bürger Europas: Am Freitag um zwölf Uhr mögen sie für eine Minute innehalten, in der Stille der Opfer des Ersten Weltkriegs gedenken und sich an die „Urkatastrophe“ des Kontinents erinnern, die vor hundert Jahren ihren Lauf genommen hat. Solch ein Blick zurück hat seinen Sinn. Mehr noch, er ist für das heutige Europa, zumindest für seinen nach Westen orientierten Teil, geradezu konstitutiv. Denn von Beginn an war die Europäische Union als Lerngeschichte entworfen worden. Das, was war, sollte nie wieder sein. Viele der Väter dieser europäischen Idee der Nichtwiederholung handelten dabei auch aus einer christlichen Motivation heraus: Krieg soll in Europa um Gottes willen nicht mehr sein.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Kaum eine Organisation hat diese Lerngeschichte Europas in den folgenden Jahrzehnten stärker verinnerlicht als die Kirche. Zumal für die evangelische Kirche in Deutschland war das ein schmerzhafter Prozess, weil sie zuvor ein geradezu symbiotisches Verhältnis mit dem Nationalismus unterhalten hatte. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Heute sind in Deutschland Staat wie Kirche auf vielfältige Weise international eingebunden. Der deutsche Protestantismus zählt auf den europäischen wie auf weltumspannenden Ebenen zu den wichtigen und finanzkräftigen Trägern der Ökumene und der Versöhnungs- und Friedensarbeit.

          Viele Kirchen haben nach den Weltkriegen also ihre Lektionen gelernt - und Europa hat auch bereits eine Dividende dafür eingestrichen. Ohne das Eintreten mutiger Geistlicher für Frieden und Freiheit wären die Revolutionen des Jahres 1989 kaum möglich gewesen. Man denke an Papst Johannes Paul II. in Polen, den reformierten Pfarrer László Tőkés in Rumänien oder den kürzlich verstorbenen Leipziger Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer. Auch an sie darf man, 25 Jahre danach, noch einmal erinnern.

          Kritik am Bundespräsidenten aus der Kirche

          Doch das Blutvergießen etwa in der Ukraine macht auch im Gedenkjahr 2014 deutlich, dass die Lerngeschichte Europas im Fach Krieg und Frieden nicht an ihr Ende gekommen ist, sondern, im Gegenteil, vor einer Weggabelung steht. Mit Joachim Gauck hat nach Horst Köhler der zweite Bundespräsident binnen weniger Jahre benannt, was hierzulande nur ungern vernommen wird: dass Deutschland künftig vermutlich nicht seltener, sondern eher häufiger Soldaten wird entsenden müssen, wenn Amerika sich stärker zurückhalten sollte.

          Statt im Jahr 2014 nur unverfänglich-bequeme Gedenkreden zu halten, hat der Bundespräsident damit das bedenkliche Auseinanderklaffen zwischen der außenpolitische Herausforderung Deutschlands und der innenpolitischen Debatte darüber benannt. Die Kritik an diesem Vorstoß hat nicht lange auf sich warten lassen, und sie kam, neben teils unflätigen Angriffen aus der Linkspartei, nicht zufällig aus der evangelischen Kirche. Margot Käßmann, Friedrich Schorlemmer und einige ostdeutsche Pfarrer widersprachen dem Bundespräsidenten. Im Kern richten sie an Gauck die Frage, ob er mit seinen Äußerungen noch in der Tradition der Lerngeschichte von 1914 bis 2014 steht.

          Sieht Deutschland mehr in militärischer Verantwortung: der Bundespräsident und ehemalige evangelische Pfarrer Joachim Gauck

          Er tut es. Allerdings möchte er diese Lerngeschichte anders fortschreiben als sie. Der wichtigste Unterschied liegt in den zugrundeliegenden Deutschland-Bildern. Kommt Deutschland nach seiner Selbstzähmung eine exklusive Friedensrolle zu, hat es unter den Völkern gar eine Art „prophetisches Wächteramt“ inne? Das wäre die moralisierte Neuauflage des deutschen Sonderwegs und eine Variante der Lerngeschichte nach 1914, deren Grundannahme im Jahr 2014 nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmt: Die Nachbarn Deutschlands haben heute keine Angst mehr davor, dass Deutschland zu Militäreinsätzen bereit ist. Eher fürchten sie, dass Deutschland dazu nicht bereit sein könnte. Den Gefährdungen der Sicherheit in Europa, das zeigt die russische Aggression in der Ukraine, müssen die Staaten der EU gemeinsam begegnen.

          Die deutsche Position muss europäiisiert werden

          Auch die evangelische Kirche sollte darum prüfen, ob sie die deutsche Lerngeschichte, zu der sie seit Ende des Zweiten Weltkriegs selbst einiges beigetragen hat, in Fragen von Rüstung und Militäreinsätzen wirklich konsequent europäisch fortschreibt. Im Unterschied zur nachvollziehbaren Kritik der Kirche an Rüstungsexporten stehen ihre Ablehnung von Kampfdrohnen und der Ruf nach einer Zivilisierung der Rüstungsindustrie in Spannung zu dem berechtigten Anliegen, dass Europa aus eigener Kraft für seine Sicherheit sorgen können soll. Bei den Militäreinsätzen ist bisher vor allem die Frage unterbelichtet, wie sich die deutsche Lerngeschichte zu der seiner europäischen Partner verhält.

          Das Beharren der evangelischen Kirche auf militärischer Zurückhaltung und Stärkung der zivilen Komponente bei Militäreinsätzen hat sich zwar durchaus als stichhaltig erwiesen, wenn man auf den Afghanistan-Einsatz und die deutsche Verweigerung beim Irak-Krieg zurückblickt. Aber der Rahmen dieser Ablehnung ist nach wie vor ein nationaler. Ihr Ziel erreicht die deutsche Lerngeschichte aber auf Dauer nur, wenn sie sich in eine europäische einfügt und sich insgesamt mehr den aktuellen Herausforderungen öffnet.

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