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Kommentar : Des Kanzlers D-Day

Auch in der Normandie hat Herhard Schröder den Verdacht nicht entkräften können, daß er mit Auftritt als allseits respektierte „Friedensmacht" immer auch an seinen eigenen D-Day denkt, den Wahlsonntag im Herbst 2006.

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          Das Bild, das Staatsmänner in der Geschichte hinterlassen, setzt sich aus vielen Teilen zusammen. Keines der Zeugnisse ihrer Politik ist als einzelnes jedoch so wirkmächtig wie die eine Szene, die, von einem Maler oder Fotografen festgehalten, Anliegen und Leistung eines politischen Lebens in einem Moment erfaßt. Auch von deutschen Kanzlern gibt es solche Aufnahmen: Adenauer auf dem Teppich vor den Hohen Kommissaren, Brandt auf den Knien in Warschau, Kohl Hand in Hand mit Mitterrand auf den Schlachtfeldern von Verdun.

          Gerhard Schröder fehlte noch das Historiengemälde, das als Sinnbild für das neue, die erlöschende Reformagenda ersetzende Hauptthema seiner Kanzlerschaft dienen könnte: der globale Auftritt einer selbstbewußt gewordenen, allseits respektierten "Friedensmacht". Die Gedenkfeiern in der Normandie, an denen Schröder als erster Bundeskanzler gleichberechtigt im Kreis der damaligen Sieger teilnahm, boten nun das geschichts- und symbolträchtige Feld, das der Marktplatz von Goslar nicht war. Damit auch niemandem die Bedeutung des Moments entgehe, hat Schröder zuvor selbst noch den Deutschen erläutert, welch "unglaubliche historische Geste" sie erlebten, ein Signal, "das in seiner historischen Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden" könne. Der Kanzler erklärte seine Einladung zu nichts weniger als zu einem epochalen Ereignis der europäischen Geschichte: "Die Nachkriegszeit ist damit endgültig vorbei."

          Das ist ein großes Wort, auch und besonders für einen deutschen Bundeskanzler, und man wird sich fragen dürfen, warum die Republik und deren argwöhnische Beobachter im benachbarten Osten nicht unter ihm erzitterten. Einem Konservativen wäre es von den linksliberalen Wächtern des deutschen Geschichtsdiskurses wahrscheinlich um die Ohren geschlagen worden. Schließlich galt in Deutschland bislang, daß Geschichte niemals "vorbei" sei, insbesondere die deutsche nicht. Auch Schröders Regierung kam bei der Formulierung ihrer Außenpolitik nicht ohne den Bezug auf die deutsche Vergangenheit aus; man denke nur an den Kosovo-Krieg und die öffentlich vorgetragenen Seelenqualen des Außenministers. Schröder selbst jedoch hat selten den Eindruck vermittelt, als fühle er sich als intellektueller Gefangener der deutschen Geschichte. Man mag sich daran erinnern, welche Anforderungen er an das Holocaust-Mahnmal stellte. Auch hatte er die Einladung Chiracs zur Teilnahme an den Gedenkfeiern zum 80. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges ausgeschlagen mit der Begründung, es sei ein Fehler, nur in der Vergangenheit zu leben. Die Ikone der deutsch-französischen Aussöhnung, das Kohl-Mitterrand-Bild von Verdun, wäre allerdings auch nicht zu übertreffen gewesen.

          Daß Staatsmänner vor allem an die Zukunft denken müssen, wird kaum jemand bemängeln. Allein die außerordentliche Bedeutung, die Schröder seiner Einladung in die Normandie durch Staaten beimaß, die schon seit Jahrzehnten Verbündete Deutschlands sind, läßt jedoch erkennen, daß auch er seine Teilnahme nicht als selbstverständlich angesehen haben kann, daß die Narben des Krieges noch immer schmerzen. Schröder legte in der Normandie einen Kranz am Grab eines deutschen Soldaten nieder, mied aber den größten deutschen Soldatenfriedhof mit seinen mehr als zwanzigtausend Gräbern; dort liegen auch Angehörige der Waffen-SS begraben. Die Nachkriegszeit, tatsächlich schon vergangen, verweht?

          Die Debatten um die Wehrmachtsausstellung, um Bombenkrieg und Vertreibung, letztere nun sogar regierungsamtlich "europäisiert", legen einen anderen Schluß nahe. Daß auch Schröder an den Formeln der Vergangenheitsbewältigung rütteln werde, müssen die erregten Nachbarn im Osten aber nicht befürchten. Des Kanzlers Sinnesorgane weisen nach vorne, er spürt dem Möglichen und Machbaren, den Stimmungen und deren Nutzbarkeit nach, darin ist er Meister. So wurde er Kanzlerkandidat, so gewann er eine verlorene Wahl, und so entdeckte er die Politik des "erhobenen Hauptes", deren einstweiliger protokollarischer Höhepunkt die Teilnahme an der Feier "des Sieges für Deutschland" in der Normandie war. Schröders Deklaration zum Ende der Nachkriegszeit dient realpolitischen Zielen. Der Kanzler reklamiert für Deutschland den Platz in der Weltpolitik, den es sechs Jahrzehnte nach der Niederlage verdiene - seiner wirtschaftlichen Bedeutung wegen, kraft seines politischen und militärischen Engagements in den Krisenregionen, vor allem aber seiner moralischen "Reife" halber; von "Überlegenheit" spricht Rot-Grün nur aus Höflichkeit nicht. Wenn die Nachkriegszeit vorbei sein soll, dann ist auch ihre Ordnung obsolet geworden; dann gibt es keinen Grund mehr, Deutschland einen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu verwehren.

          Deutschlands Rückkehr in die Weltpolitik - nicht nur als Financier und "geachtetes Mitglied der Völkerfamilie", sondern als selbst- und machtbewußter Akteur: das wäre die Nachkriegsmission, die noch nicht erfüllt ist, das wäre das Podest, das neben den Kanzlern der Westintegration, der Ostpolitik und der deutschen wie der europäischen Einheit noch eines Standbildes harrte. Gemessen werden Kanzler freilich daran, was sie mit der Macht bewirken, über die sie verfügen. Schröders außenpolitische Bilanz aber ist nicht weniger durchwachsen als die innenpolitische. Allein mit der Behauptung, recht gehabt zu haben, lassen sich die Schäden nicht verdecken, die er - nicht zum Nutzen Deutschlands - im Verhältnis zu Amerika und in der EU anrichtete. Und auch in der Normandie hat Schröder den Verdacht nicht entkräften können, daß er die "Friedenspolitik" als die Wunderwaffe seiner längst laufenden Operation Wiederwahl betrachtet, daß er immer auch an seinen eigenen D-Day denkt, den Wahlsonntag im Herbst 2006.

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