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Kommentar : Der Wert der Pflege

  • -Aktualisiert am

Der „Notstand“ in der Pflege hat nicht nur mit Geld und Macht zu tun. Die Pfleger fühlen sich nicht mehr wertgeschätzt, es geht um die ideelle Anerkennung ihrer Arbeit.

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          Die Suche nach einer Lösung für den Pflegenotstand in Deutschland stockt. In dieser Woche wollte der Bundestag einen Schritt weiterkommen und über die Reform der Pflegeausbildung entscheiden. Doch die Differenzen zwischen Befürwortern und Widersachern des Gesetzentwurfs, den Familien- und Gesundheitsministerium gemeinsam erarbeitet hatten, erwiesen sich als so erheblich, dass die Entscheidung vertagt wurde. Selbst die Befürworter der Reform gestehen ein, dass eine einheitliche Ausbildung für Kinderkranken-, Kranken- und Altenpfleger, statt der bisher auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnittenen, die chronische Knappheit an Geld und Personal in der Pflege ohnehin nicht beseitigen kann. Prognosen zufolge wird in den kommenden 15 Jahren die Zahl der Pflegebedürftigen um fünfzig Prozent auf mehr als drei Millionen steigen, eine halbe Million Fachkräfte wird dann fehlen, um diese Menschen zu versorgen.

          Es ist schon jetzt abzusehen, dass die finanzielle Belastung für die Bürger weiter wachsen wird - nicht aber das Gefühl, besser versorgt zu sein. Politik und Verbände legen das Gewicht trotzdem auf die Beitragshöhe von Kranken- und Pflegeversicherung, damit auf das Vergütungsniveau. Die Scheu davor, in der Pflege zu arbeiten, hat aber nicht nur mit Geld, Tarifen und Arbeitsbelastung zu tun. Ein maßgeblicher Grund ist vielmehr, dass ein Aspekt außer Acht gelassen wird, den Pflegekräfte immer wieder betonen, wenn sie befragt werden: Sie fühlen sich von Krankenhausleitungen, Kollegen anderer medizinischer Berufe und auch von Patienten nicht mehr wertgeschätzt. Dabei geht es ihnen ausdrücklich nicht um materielle Interessen, um ihr Gehalt, sondern um die ideelle Anerkennung ihrer Arbeit.

          Das Gesundheitssystem setzt andere Akzente. Statt sich damit auseinanderzusetzen, welche sozialen Erwartungen die Gesellschaft heute an die Versorgung in Kliniken und Heimen hat, wird in Hochglanzbroschüren und Klinik-Rankings damit aufgewartet, wie schmuck renoviert Krankenhauszimmer, wie viele Experten im Haus abrufbereit oder wie modern Herzkatheterlabore eingerichtet sind. Keine Frage, Deutschland hat eines der besten und modernsten Gesundheitssysteme der Welt. An Hygiene, Medizintechnik und Behandlungen müssen hohe Ansprüche gestellt werden. Aber sie dürfen nicht in dem Maße, wie es derzeit üblich ist, auf Kosten von Zwischenmenschlichkeit, Zuspruch und Zeit am Patienten gehen. Aufwendige Diagnostik und Therapie werden geschätzt, gelobt und bewundert, zugewandte Pflege aber nicht.

          Warum werben Kliniken und Heime nicht damit, dass ausreichend Pflegepersonal im Einsatz ist? Dass es genügend Zeit für eine Betreuung des Patienten gibt? Warum fragen Patienten nicht nach, wie viele Patienten auf der Station von einer einzelnen Schwester versorgt werden? Warum nicht, wie gut diese Schwestern ausgebildet sind?

          Ein unverzichtbarer, ehrenwerter Beruf

          Der Pflegenotstand wird nicht gelindert werden, wenn man sich ausschließlich von politischen und ökonomischen Ideen leiten lässt. Gesellschaftliche und ethische Kategorien müssen mindestens gleichrangig berücksichtigt werden. Nächstenliebe und Fürsorge waren ebenso wie eine Ethik des Dienens schon immer Leitgedanken der Pflege. Soziale Berufe, in denen man für andere da ist, bringen das mit sich. Das ist ein hohes gesellschaftliches Gut. Doch statt auf diese Werte zu bauen, statt herauszustellen, was ihr Beruf leistet, worin seine Bedeutung liegt, kämpft die Pflege mit den Ärzten um Kompetenzen, strebt nach Macht und klagt über zu wenig Geld - das ist die öffentliche Wahrnehmung. Keiner Berufsgruppe soll abgesprochen werden, sich für ihre Interessen, Entlohnung und Rechte nachdrücklich einzusetzen. Gerade die Pflege hat aber allen Grund, den Blick der Öffentlichkeit auf Wert, Würde und Inhalt ihrer Arbeit zu lenken.

          Dass die Pflege in einem Gesundheitssystem, das von bürokratischem und ökonomischem Druck beherrscht wird und das auf Professionalisierung und Spezialisierung setzt, nach Akademisierung strebt, ist konsequent. Doch am Ende braucht es Menschen, die am Krankenbett arbeiten, die füttern, waschen, Pflaster wechseln und Tränen trocknen.

          Parallel zur Diskussion über den Pflegenotstand häufen sich persönliche Eindrücke und öffentliche Berichte über katastrophale pflegerische Zustände in Kliniken wie Heimen. Nicht jede unzureichende Arbeit, mangelnde Sorgfalt und mindere Qualität in der Pflege lassen sich - wie gerne üblich - auf Arbeitsbelastung, Schichtdienst, Bürokratie oder geringes Einkommen schieben. Gute Arbeit hat auch etwas mit Einstellung zu tun, mit einem Anspruch an sich selbst, Freude am eigenen Tun und eben mit Anerkennung von anderen. Pflege ist ein unverzichtbarer, ehrenwerter Beruf. Ohne sie wird eine alternde Gesellschaft nicht bestehen können, werden Alte nicht in Würde leben können. Reformen sind deshalb ebenso nötig wie eine größere Wertschätzung und ein neuer Blick auf den Pflegeberuf - von allen Beteiligten.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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