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Kommentar : Der V-Mann der Linken

Warum soll wurscht sein, daß heute mit dem FDJ-Emblem Werbung gemacht wird? Warum soll wichtig sein, ob Wallraff IM war? Vielleicht ist das eine weniger wichtig und das andere weniger wurscht.

          3 Min.

          Während Katarina Witt auf Anzeigen im blauen FDJ-Hemd lächelt, kämpft Günter Wallraff mit dem Vorwurf, von der Stasi als IM der A-Klasse geführt worden zu sein. Beides hat damit zu tun, wie dreizehn Jahre nach dem Untergang der DDR und bei noch immer nicht hinreichend angeglichenen Verhältnissen Deutschland mit diesem Teil seiner Vergangenheit umgeht. Die Fernsehsender inszenieren eine "Ostalgie", die es nur im Westen gibt, und die, wenn überhaupt etwas, dann dies beweist: Daß der kapitalistische Westen die Arbeiter- und Bauern-Republik auch überflügelt hat, was volkseigenen Mattscheiben-Horror betrifft. Katarina Witt spielte damals wie heute vor allem als Schönheitsfleck mit.

          Warum soll wurscht sein, daß heute mit dem FDJ-Emblem Werbung gemacht wird? Warum soll wichtig sein, ob Wallraff IM war? Vielleicht ist das eine weniger wichtig und das andere weniger wurscht.

          Einladung in die Unmündigkeit

          Es gibt einen ursprünglich militärischen Begriff von Aufklärung, der mit dem geistesgeschichtlichen Programm gleichen Namens wenig gemein hat. Diese Aufklärung erstrebt nicht den Ausgang des Menschen aus "selbstverschuldeter Unmündigkeit", sondern den Sieg im Informations- und Propagandakrieg. Deshalb hieß die "Hauptverwaltung Aufklärung" der DDR auch so, obwohl sie unter anderem die "Desinformation" anstrebte. So wiederum lautete der Name der Abteilung, in (oder von) der Wallraff geführt wurde. Aber die Gegenaufklärung, die unter falschem Namen segelt, ist viel älter als die DDR und darum auch kein mit ihr untergegangenes Relikt des Kalten Krieges. Sie ist auch hier und heute allgegenwärtig, als Einladung in die Unmündigkeit, ob nun gelächelt von Witt oder gegrummelt von Wallraff.

          Beide beanspruchen den Status der Unschuld, beide zu Unrecht. Gewiß kann Katarina Witt nicht dafür, was ihr als Kind und junger Frau geschehen ist. Heute aber kann sie wissen, was das FDJ-Hemd bedeutet. Um ein nicht ganz beliebiges Beispiel zu nennen: es steht auch für jene Kinder und Jugendlichen, die als Späne von der Hobelbank der DDR-Sportpolitik fielen, verletzt oder gar zerstört. Ausschuß. Es ist gleichgültig, ob Katarina Witt davon weiß - denn wenn nicht, dann nur, weil sie es nicht wissen will.

          Nuance auf der Grauskala zwischen Gut und Böse

          So ist es auch mit Günter Wallraff. Daß Wallraff mit der Stasi zusammenarbeitete, kann ihm, ob er sich nun schriftlich verpflichtet hat oder nicht, nur entgangen sein, wenn er es nicht wissen wollte. Und deshalb ist minder bedeutsam, ob er etwas unterschrieben hat. Wer mag, kann eine solche Unterschrift als eine Nuance auf der Grauskala zwischen Gut und Böse bewerten - aber viel mehr als eine Nuance kann sie nicht sein. Mehr als eine Nuance trennte die Stasi schließlich auch nicht von der SED. Und wofür ist noch von Belang - das Strafrechtliche ist verjährt -, ob die Stasi sich irrte, als sie Wallraff in die Elite der im Mobilisierungsfall (der den Überfall auf die Bundesrepublik bedeutet hätte) zuverlässigen IM einstufte? Wallraff hat kein Geheimnis daraus gemacht, daß er die Bundesrepublik durch einen sozialistischen Staat ersetzt sehen wollte. Die Sozialisten haben es ihm abgenommen.

          Den Streit über Wallraffs Verstrickung gibt es schon lange; in der "tageszeitung" wurde in diesem Zusammenhang der Verdacht ausgesprochen, mit Wallraff solle zugleich jede Kritik an den bestehenden Verhältnissen ins Abseits des Unzulässigen gestellt werden. Das ist verschwörungstheoretischer Unsinn mit allerdings einem wahren Aspekt. Denn so, wie es denunziatorische Kritik gibt, gibt es auch die Denunziation der Kritik. Wie das eine mit dem anderen zusammenhängen kann, zeigt sich etwa daran, wie der Springer-Verlag und Wallraff sich seit zweieinhalb Jahrzehnten ineinander verbissen haben.

          Rufmord als Kerngeschäft

          Der V-Mann der Linken hatte Ende der siebziger Jahre die "Bild"-Zeitung von innen "aufgeklärt" und darüber ein Erfolgsbuch veröffentlicht. Darin wurde deutlich gemacht, daß diese Zeitung den Rufmord als ein Kerngeschäft praktizierte. Enthüllt wurde somit, was jeder dortselbst jeden Tag lesen konnte. Ergo: den kritikwürdigen Mißstand gab es, wie auch der Bundesgerichtshof befand, und schon während der Kampagne von Springer gegen Wallraff blieb Springer von Wallraffs Kampagne gegen Springer nicht unbeeindruckt. Es gab Verbesserungen, obwohl auch heute noch der Rufmord dazugehört, wie man jetzt wieder an der öffentlichen Vorverurteilung eines Stuttgarter Ingenieurs sehen konnte.

          Worauf Wallraff den Finger legte, war oft wirklich eine Wunde. Aber auch für diese Wunden, etwa die Diskriminierungen, denen türkische Einwanderer ausgesetzt werden, gilt: Wer davon nichts weiß, will davon nichts wissen. Und insoweit darf man Wallraff, der heute vom Ruhm vergangener Tage zehrt, aber eine astronomische Karriere hinter sich hat (sein Buch "Ganz unten" wurde allein in Deutschland mehrere Millionen Male verkauft), insofern also darf man Wallraff zugute halten, daß er den Blick auf Dinge gelenkt hat, die mancher gerne übersähe. Doch zeigt die Aufnahme seiner Veröffentlichungen in der bürgerlichen Presse auch: So ungnädig, wie Wallraff und seine Jünger es darstellen, wurden seine Studien dort nie behandelt.

          DDR-Verplüschung

          Dennoch haften Wallraff die Makel aller V-Leute an: was Ergebnis der Ermittlung sein müßte, wird ihr als Wahrheit vorausgesetzt; Tatsachen werden nicht nur gefunden und angespitzt, sondern auch geschaffen, das Gesamtbild erheblich verzerrt. Aufklärung ist militärisch gedacht, hier versteht sie sich als Antagonistin vermeintlicher Verschwörung. Wallraff hatte sich dem Klassenkampf verschrieben, ganz offen. Was das bedeutet, konnte man wissen. - Witt und Wallraff: Die innere Gemeinsamkeit der Lethargie im einen und der Aufgeregtheit im anderen der beiden (sonst ganz und gar unvergleichbaren) Fälle ist die Dämonisierung der Stasi zugunsten der DDR-Verplüschung: Gegenaufklärung.

          Volker Zastrow

          Correspondent at large.

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