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Kommentar : Der arabische Westen

  • Aktualisiert am

Marokko - atlantisch und zugleich europäisch ausgerichtet - ist auf einem guten Weg. Aber die nächste Kraftprobe steht vor der Tür: Denn auch das nordafrikanische Königreich wird vom Al-Qaida-Terror bedroht Von Leo Wieland.

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          Maghreb heißt „arabischer Westen“. Der Westen dieses Westens wiederum ist, geographisch wie politisch, Marokko. Atlantisch und zugleich europäisch ausgerichtet, ist das nordafrikanische Königreich gut Freund sowohl mit den Vereinigten Staaten als auch mit den Mittelmeeranrainern der Europäischen Union.

          Von Frankreich kulturell geprägt, pflegt es in allen internationalen Angelegenheiten eine enge Zweierbeziehung mit Paris. Seit der Verbesserung des Verhältnisses mit Spanien - der merkwürdige Territorialstreit um die winzige Petersilieninsel ist fast vergessen - hat Marokko auch in Madrid bemühte Fürsprecher. Sie plädieren sogar für einen Sonderstatus des guten Nachbarn irgendwo zwischen EU-Mitgliedschaft und bloßer Außenhandelspartnerschaft.

          Dafür gibt es Gründe. Denn das Alawitenreich unter dem Zepter von Mohammed VI. ist Teil des islamischen Gürtels unmittelbar vor der Haustür der Ersten Welt. Es ist Ausgangspunkt, Brutstätte und Transitstation für drei Bedrohungen, die es selbst und das nahe - an der Straße von Gibraltar nur vierzehn Kilometer entfernte - „alte“ Europa betreffen: den islamischen Terrorismus, die illegale Auswanderung und den Rauschgifthandel.

          Seit den Bombenanschlägen von Casablanca im Jahr 2003, die dem Madrider Massenmord zehn Monate vorausgingen, ist auch Marokko keine ungestörte Oase des gemäßigten Islams mehr. In diesem Frühling kam es abermals zu Selbstmordattentaten in der Wirtschaftsmetropole des Landes. Sie hatten zwar nicht die mörderische Wucht fast gleichzeitiger Gewalttaten in Algerien. Angesichts des von Usama Bin Ladin gutgeheißenen Zusammenschlusses der örtlichen Fanatikergruppen zu der Terroristenzweigstelle „Al Qaida im islamischen Maghreb“ war es aber für die Regierungen der beiden rivalisierenden arabischen Nachbarn ein schmerzlicher Weckruf.

          Dabei müsste die gezielte gemeinsame Abwehr jetzt erst noch folgen. Denn die Zusammenarbeit der Terroristen, die im Sahara-Niemandsland zwischen Algerien, Marokko, Mauretanien und Mali in Lagern mal hier, mal dort ihre Krieger ausbilden, ist erheblich besser als die der vor allem wegen des Westsahara-Konflikts verfeindeten Politiker in Algier und Rabat.

          Mit dem bislang großzügigsten Angebot für eine begrenzte Autonomie der ehemaligen spanischen Kolonie, die noch von Mohammeds Vater Hassan II. im Jahr 1975 dem Diktator Franco entwunden wurde, hat Marokko jetzt immerhin einen diplomatischen Schritt in die richtige Richtung getan. Die zähen Verhandlungen mit der Polisario-Front unter dem Schirm der Vereinten Nationen erbrachten in New York zwar noch keine Zugeständnisse in der Sache, aber immerhin eine zweite Gesprächsverabredung im August. Langfristig hat Marokko hier die besseren Karten. Denn allein durch Einwanderung geraten die Saharauis - auch wenn die mehr als hunderttausend Flüchtlinge in den Lagern des algerischen Tindouf mitgerechnet werden - allmählich in ihrer Heimat in die Minderheit.

          Das von selbstbewussten Technokraten aus französischen Eliteschulen regierte Königreich Marokko ist keine Demokratie westlichen Maßstabs. Aber die Bekenntnisse zu Reformen, marktwirtschaftlicher Öffnung und Menschenrechten klingen im ersten Jahrzehnt der Herrschaft Mohammeds VI. glaubwürdiger als fast überall sonst in der arabischen und islamischen Welt. Mit Recht hat Amnesty International in seinem letzten Jahresbericht zwar auf fortdauernde Unterdrückung, vor allem in der Westsahara, und Einschränkungen der Pressefreiheit aufmerksam gemacht. Die Organisation bescheinigte Marokko aber auch eine „günstige Entwicklung“ bei dem „Übergang zu einem Rechtsstaat“.

          Dieses Lob verdiente sich der König insbesondere mit seinen Reformbestrebungen zu mehr Frauenrechten, mehr Parteiendemokratie und mehr „westlich“ fortschrittlicher Gesellschafts- und Sozialpolitik. Hinzu kam, dass die recht freimütige Untersuchung der massiven Menschenrechtsverletzungen unter der Herrschaft seines Vaters durch eine unabhängige Sonderkommission das erste Beispiel angewandter Vergangenheitsbewältigung in ganz Nordafrika war.

          Während sich in Marokko, das im Gegensatz zu Algerien und Libyen nicht über reichhaltige Bodenschätze verfügt, auch eine wirtschaftliche Aufbruchstimmung mit beachtlichen Wachstumsraten zeigt, steht die nächste politische Kraftprobe bevor. Am 7. September sind Wahlen, und manches spricht dafür, dass die gemäßigt islamistische „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ zur stärksten Kraft werden könnte. Obwohl der Monarch aufgrund seiner verfassungsgemäßen Vorrechte dennoch wieder den Regierungschef und die wichtigsten Minister ernennen wird, zeichnet sich hier ein Test für die innere Stabilität des Landes und seine politische Integrationsfähigkeit ab.

          Marokko, das als traditionsbewusster Verbündeter des Westens gern ein arabisches Musterland wäre, hätte viel zu verlieren, wenn die „Bärtigen“ und ihr gewachsener Anhang in den Wahlen die Oberhand gewännen: Investitionen, Touristen, betuchte europäische Rentner in den neuen Siedlungen an den Sonnenküsten drüben, würden sich zurückziehen. Doch für den König ist es vor allem eine Machtfrage. Denn die von ihm aus dem politischen Prozess ausgeschlossenen radikalislamistischen Gruppen lehnen ihn nicht nur als Monarchen ab. Sie sprechen ihm, der sich als weltlicher Garant der nationalen Einheit beschreibt, auch seine religiöse Führungsrolle als „Beherrscher der Gläubigen“ ab.

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