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Kommentar : Bevormundung

  • -Aktualisiert am

Der türkische Ministerpräsident Erdogan bevormundet mit seinen Äußerungen zum Anwerbeabkommen nicht nur den deutschen Staat, sondern auch Bürger mit türkischen Wurzeln, die hier eine neue Heimat gefunden haben.

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          Der türkische Ministerpräsident Erdogan ist ein politisches und rhetorisches Schwergewicht, es lohnt sich, jedes seiner Worte auf die Goldwaage zu legen. Was er zum fünfzigsten Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens gesagt hat, ist an Brisanz schwer zu übertreffen, sprach er doch über nicht weniger als drei Millionen Menschen in Deutschland. Von ihnen sind – nach verschiedenen Schätzungen oder Zählungen – ein Viertel, gar ein Drittel deutsche Staatsangehörige, also Bürger, für die überhaupt nicht Erdogan, sondern Bundeskanzlerin Merkel und die deutsche Bundesregierung zuständig sind.

          Es ist zu hoffen, dass Erdogan das deutsche Recht soweit achtet, dass er dessen prinzipielle Festlegung auf eine einzige Staatsangehörigkeit anerkennt. Daher ist sein Werben für die Ausweitung der doppelten Staatsangehörigkeit kein Zeichen des Respekts, sondern des Drängens und Zumutens.

          Dass er für mehr als zwei Millionen in Deutschland lebende türkische Staatsbürger die Verleihung der deutschen Staatsangehörigkeit fordert oder diplomatisch verklausuliert „vorziehen würde“, ist der Versuch der Bevormundung des deutschen Staates; dass er damit zugleich den Deutschen türkischer Herkunft nahelegt, entgegen ihren eigenen Absichten (wieder) die türkische Staatsangehörigkeit anzunehmen, ist eine unverhüllte Bevormundung derer, die selbst oder deren Vorfahren einst die Türkei verlassen und in Deutschland eine neue, nicht nur soziale, sondern auch rechtliche Heimat gefunden haben.

          Der türkische Ministerpräsident Erdogan ist ein politisches und rhetorisches Schwergewicht, es lohnt sich, jedes seiner Worte auf die Goldwaage zu legen. Was er zum fünfzigsten Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens gesagt hat, ist an Brisanz schwer zu übertreffen.

          Eine solche Vorgehensweise ist kein Ansporn, diesen Regierungschef, der sein Land wohl noch lange führen will, in den Kreis der Staats- und Regierungschefs der EU aufzunehmen. Dies hat Erdogan selbst längst erkannt. Daher rührt auch seine Forderung nach der rechtlichen Verankerung seiner Vorposten in Europa. Wäre er hingegen von der mittelfristigen Aufnahme der Türkei in die EU überzeugt, so würde er sich damit begnügen, dass alle Türken, ob in Deutschland wohnhaft oder anderswo, bald die Vorzüge der EU-Bürgerschaft genießen könnten, wie das zwischen Deutschen, Franzosen und Portugiesen der Fall ist.

          Erdogans Aussagen haben wieder einmal deutlich gemacht, dass es der Türkei beim Arbeitsmigrationsabkommen nicht nur um Arbeitsplätze, sondern vor allem um Lebensplanung ging. Diese Erkenntnis allgemein zu gewinnen, rechtfertigt den Aufwand für eine große Feierstunde.

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          Türken in Deutschland : 50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei

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