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Christentum, Judentum und Islam : Aufklärung zu dritt?

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Der Islam braucht eine Aufklärung - das wird vielerorts gefordert, auch von Muslimen selbst. Doch Reformdenker haben es in der muslimischen Gesellschaft schwer. Dabei heißt eine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst nicht, die eigene Sache aufzugeben.

          Der Kampf gegen den Terror, die Auseinandersetzung mit militanten Islamisten und Dschihadisten, bestimmt seit dem „11. September“ weitgehend das politische Klima zwischen weiten Teilen der islamischen Welt, Europa und Amerika. Barack Obamas „islamische Initiative“ des guten Willens, die er in einer Rede in Kairo Anfang Juni vortrug, ist wirkungslos geblieben. Das hat viele Ursachen. Die wichtigste ist, dass die Konflikte in der Region auch nicht im Ansatz gelöst sind – vom eigentlichen Nahost-Konflikt angefangen bis zu dem Komplex „Afpak“, der bewaffneten Auseinandersetzung am Hindukusch.

          Freilich: Selbst wenn die Konflikte gelöst wären, bestünden – neben den Ähnlichkeiten und Gleichheiten – die Unterschiede zwischen den drei Weltreligionen fort, die im Nahen Osten entstanden und auf mannigfache Weise mit den dortigen Konflikten verwoben sind. Ihr Nachhall ist, vermittelt durch nahöstliche Migration, auch in den europäischen Gesellschaften zu spüren.

          Dialoge, bisweilen auch Dreier-Kontakte (Trialoge) zwischen den Religionen gibt es in nicht geringer Zahl. Sie sollen das gegenseitige Verständnis fördern. Die Absicht ist gut, der Ertrag jedoch häufig fragwürdig. Man trägt vor, was man glaubt, und plädiert für größere Toleranz. Alles wird gut – eines Tages jedenfalls –, wobei in Rechnung zu stellen ist, dass die Toleranz durchaus ungleich verteilt ist. Trotz mancher Schwierigkeiten haben es Muslime in Europa viel leichter als Christen in den allermeisten islamischen Ländern.

          Aufklärung ist in islamischen Ländern ein schwieriges Geschäft

          Dass der Islam eine Aufklärung brauche, ein kritischeres Herangehen an seine Quellen und differentiertere Auslegungen des Korans wird vielerorts gefordert, auch von Muslimen selbst. So gibt es in den meisten muslimischen Gesellschaften längst Reformdenker, die allerdings keinen leichten Stand haben. Einige von ihnen, wie der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid, mussten in Europa Zuflucht suchen. Aufklärung ist ein schwieriges Geschäft in einer Region, in der es inzwischen zwar viele säkularisierte Menschen gibt, deren Gesellschaften insgesamt aber nicht jene Prozesse durchgemacht haben, die für Europa und die Vereinigten Staaten von Amerika seit dem 18. Jahrhundert prägend wurden.

          Allerdings zeigt der Blick durch die Brille der anderen, dass sie – wie etwa die Muslime – an die christliche Tradition ebenfalls Fragen stellen. Auch das Christentum habe seine Überlieferungen, trotz aller Aufklärung, nicht kritisch genug aufgearbeitet, ist von Muslimen zu hören. Das gelte vor allem für Dogmen, die auch den meisten Kirchenmitgliedern unverständlich geworden seien: etwa die Lehre von der Trinität oder von der Gottessohnschaft Jesu.

          Längst ist auch bekannt, dass die kritische Forschung immer skeptischer wird gegenüber den Großen Erzählungen des Alten Testaments, der jüdischen Bibel, die für das Judentum konstituierend sind. Das sind die Geschichten vom Exodus der Kinder Israels aus Ägypten, von der Eroberung Kanaans, des „Gelobten Landes“, und vieles mehr. „Keine Posaunen vor Jericho“ heißt ein Buch, in dem zwei israelische Archäologen die Historizität dieser Großen Erzählung schlicht leugnen.

          Alleinvertretungsansprüche könnten gemildert werden

          Bedarf es da einer Aufklärung zu dritt? Dies fordert der Erlanger Theologe und Arabist Günter Lüling, der vor Jahrzehnten durch seine revolutionären Studien über den Urkoran hervorgetreten ist. Ziel einer solchen gemeinsamen Aufklärung könne es sein, die ohnehin schon enge Verbundenheit der „abrahamitischen Religionen“ zu intensivieren – durch die Einsicht nämlich, dass alle drei sich von einem gemeinsamen Ursprung und Grundgedanken, einem klaren, allumfassenden Monotheismus, auf unterschiedliche Weise entfernt haben.

          Neben manchen politischen Folgen, die das haben könnte, ist es insbesondere die Furcht, sich und das Ganz-Eigene aufgeben zu müssen, die solche Einsichten blockiert. Doch so, wie ein Muslim natürlich Muslim bleiben kann, wenn er mehr weiß über die frühe, in manchem vielleicht umzuschreibende Entstehungsgeschichte des Islam, so könnte es auch für Christen wie Juden ein Gewinn sein, das Historische, bisweilen auch Fragwürdige an althergebrachten Überzeugungen und Dogmen stärker ins Bewußtsein gerückt zu bekommen. Das mindert religiöse Alleinvertretungsansprüche.

          Der Ägyptologe Jan Assmann hat darauf hingewiesen, dass ein großer Teil des Unheils, das die großen Religionen neben ihren Errungenschaften in der Weltgeschichte gestiftet haben, mit ihrem Exklusivitätsanspruch zusammenhängt. Die Gefahr, um des eigenen Wahrheitsanspruchs willen die anderen auszuschließen oder wenigstens als „von minderem Wert“ darzustellen, war immer gegeben. Er plädiert für ein inklusives Verständnis von Religion, das heißt für die Einsicht, dass alle Glaubensüberzeugungen jenseits ihrer Besonderheiten einen religiösen Grundgedanken haben und Glieder einer Tradition sind, die bis auf den berühmten Pharao Echnaton zurückgeht. Er war der erste namentlich bekannte Stifter eines Monotheismus.

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