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Kommentar : Anrüchiger Alarm

Bild: reuters

Die japanische Regierung hat ein merkwürdiges Verständnis von Aufklärung und Transparenz an den Tag gelegt. Mit einer anrüchigen Alarmierungspolitik und zögerlichen Evakuierungen hat sie ihre Glaubwürdigkeit verloren.

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          Die japanische Regierung und ihre Behörden haben in den vergangenen Tagen ein merkwürdiges Verständnis von Aufklärung und Transparenz an den Tag gelegt. Gerade noch hatte Regierungschef Naoto Kan in einer Fernsehansprache erklärt, die austretende Radioaktivität aus den havarierten Fukushima-Reaktoren gehe zurück und die Situation in den Reaktoren stabilisiere sich Schritt für Schritt, da lassen die Offiziellen nur Stunden später mit der Hochstufung des Unfalls auf den höchsten Gefährdungslevel buchstäblich eine Bombe platzen. Denn nun steht die japanische Atomkatastrophe auf einer Stufe mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl – dem bis dato einzigen GAU in der Atomenergiegeschichte.

          Was also war geschehen in den Stunden dazwischen? Ein neues Leck in einem der sechs mit Brennstoff gefüllten Behälter? Eine eskalierende Kernschmelze? Nichts dergleichen, heißt es. Man habe einfach nur neu nachgerechnet – durchkalkuliert, wie viel Spaltmaterial bisher ausgetreten und in der Umgebung des Kraftwerks niedergegangen war. Genau genommen, ist auch jetzt noch nicht das Ausmaß der Tschernobyl-Katastrophe erreicht. In Tschernobyl wurden nach der Explosion des Reaktorkerns plötzlich große Mengen Radioaktivität in die Atmosphäre geschleudert, die Verteilung von Jodtabletten kam zu spät, die Evakuierungsmaßnahmen verliefen chaotisch. Von all dem blieb die japanische Bevölkerung bisher verschont. Zudem soll bisher erst ein Zehntel des Strahlenmaterials von Tschernobyl ausgetreten sein.

          Umstrittene Informationspolitik

          Was allerdings den politischen Schaden angeht, stehen beide Katastrophen jetzt endgültig auf einer Stufe. Das gilt insbesondere für die Informationspolitik. Wirft man einen Blick auf die Messtafeln, drängt sich der Verdacht auf, dass die Verantwortlichen schon vor gut drei Wochen die höchste Gefährdung hätten erkennen können. Der allergrößte Teil der Radioaktivität war bis Ende März bereits ausgetreten und gemessen worden.

          Natürlich wollte man eine Panik verhindern. Mit dem gleichen Argument weigerte man sich lange auch, die Evakuierungszone auszuweiten. Mit ihrer anrüchigen Alarmierungspolitik steht die Regierung nun aber endgültig auf einer Stufe mit der Kraftwerksfirma, die seit Jahren durch Desinformation auffällt. Kann die Regierung da erwarten, dass man es ihr abnimmt, wenn sie demnächst wieder Entwarnung gibt? Wohl kaum.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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