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Kommentar : Anmerkungen zum politischen Personal

  • -Aktualisiert am

Die Bundeskanzlerin ist nicht als Politikerin bekannt, deren Rede das Publikum im Bierzelt mitreißt Bild: dpa

Die Überschätzung des eigenen Charismas kann zum Untergang führen - das beweist der Sturz Guttenbergs. Demokratie braucht zwar begeisternde Politiker. Ihre Legitimität hängt aber nicht allein vom „Willen der Beherrschten“ ab.

          Wer danach fragt, welcher Politikertypus bei den Deutschen besonders populär ist, bekommt wenig Aufschluss, wenn er die gängigen Umfrageergebnisse anschaut. Im ZDF­„Politbarometer“, einer Hitparade der Beliebtheit, stehen an der Spitze mit Angela Merkel und Karl-Theodor zu Guttenberg, gefolgt von Frank-Walter Steinmeier und Ursula von der Leyen, vier Persönlichkeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

          Die Bundeskanzlerin, natürlich mit einem Amtsbonus ausgestattet, ist als nüchtern bekannt, jedenfalls nicht als Politikerin, deren Rede das Publikum im Bierzelt mitreißt. Sie rangiert neben dem flamboyanten Guttenberg, der zuerst als Wirtschafts-, dann als Verteidigungsminister viele Leute begeistert hat, ohne dass man heute, nach seinem Rücktritt, genau sagen könnte, was er in seinen Ämtern eigentlich geleistet hat. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Steinmeier wiederum, der selbst als Kanzlerkandidat im Wahlkampf den bürokratischen Habitus nie ganz abstreifen konnte und heute als Oppositionsführer den sachlichen Gegenpart zum krakeeligen Parteivorsitzenden Gabriel gibt, liegt eine Nasenlänge vor der früheren Familien- und heutigen Sozialministerin, die eine Art Inbegriff der Erfolgsfrau ist: Frau von der Leyen scheint es geschafft zu haben, die Rolle der Mutter mit (oder trotz) Karriere vorbildlich auszufüllen; sie wirkt unverbissen fortschrittlich, telegen und durchsetzungsfähig.

          Profilierung auch durch Anecken in der eigenen Partei

          Das Erste, was bei diesem Quartett auffällt, ist, dass es die Frauenquote ideal erfüllt. Das zeigt zunächst, dass es keine geschlechtsspezifischen Vorbehalte in der Politik gibt. Bundeskanzlerin Merkel und Ministerin von der Leyen genießen, soweit man das an der Unterstützung mehr oder minder prominenter Zeitgenossen ablesen kann, Sympathien auch bei Frauen und Männern, die nicht ihrem politischen Lager zuzurechnen sind. Ob sich das durchweg in Wählerstimmen ummünzt, ist eine andere Frage. Bemerkenswert bleibt, dass ausgerechnet eine Partei, der oft das Etikett „konservativ“ angehängt wird, auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle spielt. Die SPD, die Themen der Emanzipation von jeher hochhält, muss jedenfalls ihre programmatischen Forderungen erst noch personell beglaubigen.

          Der flamboyanten Guttenberg begeisterte zuerst viele Leute als Wirtschafts-, dann als Verteidigungsminister

          Erstaunlich ist, dass zwei Personen, die nicht gerade als charismatisch gelten – Frau Merkel und Steinmeier –, hohes Ansehen genießen. Mag sein, dass sie mangelnde persönliche Ausstrahlung teilweise durch „Amtscharisma“ ausgleichen – Steinmeier trägt immer noch die Aureole des ehemaligen Außenministers. Zu seiner Popularität trägt auch bei, dass er gegenüber seiner kranken Frau menschliche Qualitäten gezeigt hat, die für eine Gesellschaft vorbildlich sind. Doch es ist wohl auch so, dass das Publikum Politiker schätzt, die nicht als Scharfmacher auftreten, sondern pragmatisch handeln, was die Zusammenarbeit mit dem politischen Gegner einschließt. Die Urtugend der Demokratie, das Finden von Kompromissen (ein Wort, das falscherweise oft mit dem Beiwort „faul“ gekoppelt wird), scheint besser anzukommen, als manche „Polarisierer“ glauben.

          Doch hat auch das „Aus-der-Reihe-Tanzen“ Anhänger. Frau von der Leyen und Guttenberg haben ihre Popularität nicht zuletzt der gelegentlichen Profilierung gegen die eigene Partei zu verdanken. Offenbar wird der ehemaligen Familienministerin zugutegehalten, dass sie in der CDU als „Modernisiererin“ manchen familienpolitischen Zopf abgeschnitten hat. Guttenberg hat mit der Aussetzung der Wehrpflicht seine Partei glatt überfahren und deren Vorsitzenden desavouiert, als er diesen vermeintlichen „Markenkern“ der Union faktisch abschaffte.

          Solche Husarenstreiche gegen die eigenen Truppen sind nur Politikern erlaubt, die sich breiter Unterstützung in der Bevölkerung erfreuen. Denn nach den Regeln der Parteiendemokratie handelt es sich dabei um Unbotmäßigkeiten, die von der „Basis“ (also von den Parteikadern) üblicherweise sanktioniert werden. Der Erfolg beruht hier, in den Worten des Soziologen Max Weber, auf der „außeralltäglichen, magischen Qualität“ von Persönlichkeiten, die es sich leisten können, die gängigen Regeln des politischen Betriebes zu missachten.

          Auch akribisch arbeitende Persönlichkeiten genießen Respekt

          Dass eine Überschätzung der eigenen charismatischen Begabung zum Untergang führen kann, beweist allerdings der Sturz Guttenbergs über eine Plagiatsaffäre. Die ungewöhnlich heftigen Reaktionen darauf zeigen ein stark polarisiertes Muster: Da gibt es jene, die dem Ausnahmepolitiker Regelverstöße nachsehen, auch den Diebstahl geistigen Eigentums; und es gibt die anderen, die darauf bestehen, dass der Rechtsstaat auf dem Respekt vor Gesetzen und elementaren Regeln gründet, die auch ein charismatischer Politiker nicht ungestraft verletzen darf.

          Demokratie braucht zwar begeisternde Politiker; aber diese haben in einem Rechtsstaat, um noch einmal Max Weber zu bemühen, keine Legitimität, die allein vom „Willen der Beherrschten“ abhängt. Dass auch Persönlichkeiten hohe Wertschätzung genießen, die sich ihren Weg durch die manchmal öde wirkenden Prozeduren des politischen Prozesses bahnen und ihre Legitimität aus der täglichen Kärrnerarbeit schöpfen, ist durchaus ein Zeichen politischer Reife.

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