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Kofferbomber-Prozess : Ein netter Junge - mit tödlichem Plan?

Der Mann mit der 13 Bild: AP

Der Angeklagte im Kofferbomber-Prozess gibt sich freundlich. Fehlzeiten am Studienkolleg erklärt er mit Zahnschmerzen. Mit dem Richter unterhält er sich über die Position von Michael Ballack, dessen Trikot er beim mutmaßlichen Anschlagsversuch trug.

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          „Die waren alle nett.“ An diesen Satz des Vorsitzenden Richters aus dem Motassadeq-Prozess konnte man sich jetzt im Kofferbomber-Verfahren vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf erinnert fühlen. Motassadeq war als einer der Helfer der Attentäter vom 11. September 2001 in Hamburg verurteilt worden; er gehörte zu jener Gruppe gebildeter, sich immer stärker radikalisierender junger muslimischer Männer, die schließlich zur terroristischen Tat schritten. Auch der nun angeklagte Youssef el Haj Dib macht einen offenen und freundlichen Eindruck.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Der Psychologe, der mit ihm schon vor der Hauptverhandlung ausführlich gesprochen hatte, machte nun vor Gericht deutlich, was für einen Gegensatz er damals empfand: ein sehr schwerer Vorwurf, nämlich versuchter Mord in einer Vielzahl von Fällen - und ein so lockerer junger Mann, der ihm da gegenübersaß. Er habe, so berichtete der Sachverständige, schon mit einigen Islamisten zu tun gehabt, die sehr gut deutsch sprachen, doch mit ihm nur in arabischer Sprache reden wollten. Bei El Haj Dib sei es genau umgekehrt gewesen: Er wollte deutsch reden, doch als es kompliziert wurde, bat der Psychologe um Übersetzung. Im Düsseldorfer Hochsicherheitsgerichtssaal freilich äußerte sich der Angeklagte nur über die Dolmetscher, auch wenn ihm gelegentlich ein deutsches Wort entfährt - etwa wenn er von einer „Wurzelbehandlung“ spricht.

          Auf den Videos identifiziert

          Zum Tatvorwurf sagte der Angeklagte weiterhin nichts. Aber immerhin hat er sich und seinen mutmaßlichen Mittäter auf einigen der zahlreichen Videoaufnahmen aus Überwachungskameras identifiziert. Diese Bilder wurden am Mittwoch auf zwei großen Leinwänden im modernen Sitzungssaal - vom Vorsitzenden von seinem Platz per Mausklick gesteuert - in recht guter Qualität vorgeführt. In der Vorhalle und auf Gleis drei des Kölner Hauptbahnhofs sind die beiden mutmaßlichen Täter mit ihren Rollkoffern zu sehen.

          Bis vor kurzem war da nur ein „Kevin-Kuranyi-Bärtchen”

          Es war für die Strafverfolger ein hartes Stück Arbeit, bis sie an diesem Punkt der Ermittlungen angelangt waren, wie der Ermittlungsführer des Bundeskriminalamtes vor dem 6. Strafsenat darlegte. Nachdem die beiden Koffer gefunden und geöffnet worden waren, verglichen die Ermittler die Zugläufe und stellten fest, dass es um Köln herum neun in Betracht kommende Bahnhöfe mit insgesamt 225 Überwachungskameras gab. Das ergab zunächst eine Datenmenge von 545 Tagen Videoaufnahmen - ohne Unterbrechung.

          Ein Gebetsraum in Kiel - oder nicht?

          Die Spur führte letztlich in den Libanon, weil in einem der Koffer, der von Fachleuten ohne Zerstörung geöffnet werden konnte, Telefonnummern und arabische Schriftzeichen gefunden wurden. Die wurden dem BKA-Verbindungsbeamten in Beirut übermittelt und führten letztlich zur Identifizierung eines Verdächtigen, der jetzt in Beirut allerdings freigesprochen wurde. Kurz nachdem die öffentliche Fahndung eingeleitet worden war, kam dann der Hinweis aus dem Libanon auf den in Kiel studierenden Youssef el Haj Dib. Festgenommen wurde er bald darauf, als er offenbar versuchte, sich nach Schweden abzusetzen.

          Als der die damaligen Ermittlungen leitende Kriminalhauptkommissar in seinen Ausführungen hervorhob, der Angeklagte habe in Kiel einen Gebetsraum eingerichtet, ergriff El Haj Dib das Wort. Das sei nicht wahr, sagte er. Der Sachverständige hatte am Tag zuvor gesagt, dass die Religion für Haj Dib bedeutsamer wurde, seit er sich in Deutschland aufhielt. Häufige Fehlzeiten am Kieler Studienkolleg, die im Prozess erwähnt wurden, erklärt der Angeklagte mit länger andauernden Zahnschmerzen. El Haj Dib brachte nachträglich Atteste bei und bemängelte, dass er zunächst ohne Abmahnung von der Ausländerbehörde aufgefordert worden sei, Deutschland zu verlassen. Das konnte er durch persönliches Vorsprechen dann abwenden. Auch das Semester schloss er doch noch ab.

          Ballack? Mittefeldspieler? Stürmer?

          Überrascht zeigte sich der Sachverständige von der dichteren Barttracht, die der Angeklagte sich in der Untersuchungshaft seit dem jüngsten Treffen wachsen ließ. Zuvor habe er lediglich eine Art „Kevin-Kuranyi-Bärtchen“ getragen. Kuranyi? Da musste die Staatsanwältin auf der Bank der Bundesanwaltschaft bei ihren Kollegen nachfragen.

          Der Angeklagte hätte es mit Sicherheit sofort gewusst, er war ein begeisterter Spieler. Warum er damals auf dem Kölner Hauptbahnhof denn ein Trikot mit der Rückennummer 13 des Nationalspielers Michael Ballack getragen habe, wollte der Vorsitzende Richter Breidling wissen. „Mit gefällt seine Position“, entgegnete Youssef el Haj Dib. Aber, so warf Richter Breidling ein, habe er denn nicht früher auf der Stürmerposition gespielt, Ballack sei doch eher ein Mittelfeldspieler. „Manchmal sind die Mittelfeldspieler eher im Sturm zu finden“, entgegnete Haj Dib. Der Richter nickte fachmännisch. Ganz der nette Junge.

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