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Klimaschutzkonferenz : Taktik bestimmt das Klima in Den Haag

  • -Aktualisiert am

Stiller Protest gegen Amerikas Klimapolitik Bild: AP

Taktik und Angst prallen auf der UN-Klimakonferenz in Den Haag aufeinander. Umweltschützer fordern einen konsequenten Kampf gegen die Klimakatastrophe. Doch im diplomatischen Dschungel geht nichts schnell und einfach.

          Kalter Schauder. Die Sirene heult. Einen Fliegeralarm hat in Den Haag schon lange niemand mehr gehört. Unrhythmisch schwillt der Ton an und ab, dröhnt den vorbei eilenden Delegierten der UN-Klimaschutzkonferenz in den Ohren. Greenpeace fordert eine Entscheidung. Wieder dreht ein Aktivist den Ton auf. Die Sirene auf dem Kleinlaster bringt Fensterglas zum Schwingen.

          Im Kongressgebäude ist der Warnton der Umweltschützer nur noch dumpf zu hören. Hier regiert nicht Angst vor der Klimakatastrophe, sondern das diplomatische Etikette. Vier Tage lang verhandeln mehr als hundert Umweltminister schon die Umsetzung des Kyoto-Protokolls für den Klimaschutz. Fortschritte sieht noch niemand. Die Debatte zerfasert. Einzelne Delegierte beißen sich an der Geschäftsordnung fest.

          Spielregeln wenden sich gegen sich selbst

          Eine gute Taktik, um sich und seine Wünsche im Spiel zu halten. Saudi-Arabiens Diplomaten beherrschen sie perfekt. Als die Rednerliste wenige Minuten vor einer Pause geschlossen wird, stellen die Saudis ihr Namensschild, die „Flagge“, hoch. Ein Hinweis zum Verfahren haben sie. Man solle doch die Stimme Indonesiens zuerst hören, es sei ein wichtiger Beitrag. Japans Umweltministerin als Vorsitzende folgt wieder einmal solchem Wunsch. Doch Indonesiens Minister hat gar nichts zu sagen. Die Zeit ist um, acht unliebsamen Redner ist elegant das Wort verboten.

          Wettstreit der Taktiker

          Eingefallene Augen, Schlürfschritte, heftige Züge an der Zigarette. Die Ermüdung steht den Delegierten ins Gesicht geschrieben. Das ist Taktik. Jan Pronk, niederländischer Umweltminister und Präsident der Konferenz, will die Staatenvertreter mürbe machen. Nur so besteht überhaupt eine Chance, dass es zu einem Abschluss kommt.

          Seit Mittwoch macht das Gerücht die Runde, dass Pronk ein Kompromisspapier vorlegen will. Dreimal hat er es schon verschoben. Auch das ist Taktik. Das Papier muss spät genug kommen. So spät, dass niemand wagt, es von vorne herein abzulehnen. Trotzdem rechtzeitig genug, dass niemand schon aufgesteckt hat. Wahrscheinlich also im Laufe des Donnerstags. Dann wird es in den Delegationen, später in Ländergruppen wie der Europäischen Union oder der G77, den Entwicklungsländern, beraten werden.

          Die Aussprache über das Pronk-Papier ist am Donnerstag für 24 Uhr festgesetzt. Nachtarbeit also. „Er will uns kleinkriegen“, sagt ein deutsches Delegationsmitglied. Und verschwindet im Hotelzimmer. Vorschlafen.

          „Work it out!“

          Andere Delegierte schlafen auf harten Bänken hinter großen Schildern. „Work it out!“ steht darauf, das Motto der Konferenz. Diesen Ruf haben viele Umweltschützer aufgenommen. Zum Nachdruck bauten sie vor dem Konferenzzentrum einen Wall aus Sandsäcken - gegen den steigenden Meeresspiegel. Zwar hat Jan Pronk einen dieser Säcke zur Mahnung auf das Rednerpult im großen Konferenzsaal gelegt. Genutzt hat es noch nicht.

          So werden die Reaktionen der Umweltschützer radikaler. Greenpeace-Anhänger seilen sich am gegenüberliegenden Haus ab und fordern ein Ende des „Gequatsches“. Im Kongressgebäude sind unterdessen Menschen mit orangenen Armbinden unterwegs. „Frag mich, warum ich faste“ steht darauf. Alle wissen es. Aber noch ist der Druck auf die Delegationen nicht groß genug. Doch sind einige zuversichtlich: „Die Entscheidung wird in der Nacht zum Samstag fallen“, sagt ein deutscher Vertreter.

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