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Klaus Stöhr : Der Ätiologe

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Stöhr Bild: WHO

Daß die Weltgesundheitsorganisation in der SARS-Krise zielsicher handelte, ist vor allem der Ateilung für übertragbare Krankheiten z u verdanken. Klaus Stöhr ist einer der beiden Krisenkoordinatoren.

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          Die Deutschen seien zu provinziell, so heißt es, und daher finde man sie so selten in internationalen Organisationen. Die Klage ist begründet, auch wenn der Grund nicht immer Mangel an polyglotten Bewerbern, sondern an politischer Unterstützung ist. Es gibt Ausnahmen. Manche kommen sogar aus den vermeintlich besonders provinziellen neuen Bundesländern, und sie sind derart gut auf dem internationalen Parkett, daß sie völlig ohne politische Protektion Karriere machen.

          Klaus Stöhr hat in der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf zwar noch keine Führungsposition erreicht. Er kann sich noch nicht einmal Direktor nennen, sondern ist lediglich "Koordinator für medizinische Ursachenforschung" (Ätiologie). Doch das Fehlen eines bürokratischen Titels kann er leicht verschmerzen. Denn Stöhr sitzt auf einem Stuhl, der zwar ebenso abgewetzt ist wie das winzige Zimmer in der Avenue Appia in Genf, um den ihn jedoch viele Wissenschaftler und auch Bürokraten von UN-Sonderorganisationen beneiden dürften. Die Ätiologie, die Stöhr koordiniert, ist die zur Zeit wichtigste in der Medizin: die Erforschung des schweren, akuten Atemwegsyndroms (SARS).

          Daß die Weltgesundheitsorganisation in dieser Krise zielsicher handelte - sowohl in der Diagnose als auch mit ihren politisch mutigen Reisewarnungen -, das ist vor allem der Abteilung für übertragbare Krankheiten zu verdanken, die der Amerikaner David Heymann leitet. Er ernannte Stöhr zu einem der beiden Krisen-Koordinatoren. Der 44 Jahre alte Tiermediziner und promovierte Epidemiologe leitet seit zwei Jahren das globale Grippe-Programm der WHO und hat viele Kontakte zu international führenden Virologen. Die nutzte er, um auf höchst kreative Weise den SARS-Erreger zu erforschen: Er schuf ein virtuelles Labor auf der Website der WHO, in dem täglich Forscher aus dreizehn Instituten ihre Zwischenergebnisse ohne Geheimnistuerei offenlegen und dann am Telefon diskutieren: jeweils zur Genfer Mittagszeit, wenn die Kollegen in Hongkong noch wach sind und die Amerikaner nicht mehr schlafen. Der Erfolg dieses bisher beispiellosen Forschungsprojekts, bei dem die Wissenschaftler das öffentliche Interesse vor persönlichen Ehrgeiz stellten, ist beeindruckend: Nur wenige Tage nach der ersten WHO-Warnung war das Virus entdeckt - viel schneller als im Einzelwettkampf verschiedener Institute beim Aids-Erreger.

          Die Anspannung der letzten Woche ist Stöhr kaum anzumerken. Er geht zwar schnell und redet zeitsparend, erlaubt sich aber nicht die Allüre des Gestreßten. Weder im Englischen, der WHO-Sprache, noch im Deutschen hört man, daß Stöhr aus Zerbst in Sachsen-Anhalt kommt. Er studierte in Leipzig und machte 1985 sein Diplom als Tiermediziner. Hier wurde er auch zwei Jahre später promoviert. Bis 1991 arbeitete er an einem Forschungsinstitut in Königs Wusterhausen bei Berlin. Dann wechselte er zur Weltgesundheitsorganisation, wo er sich über mehrere Stationen nach oben arbeitete. Stöhr, der noch als Student heiratete und zwei Kinder hat, wohnt, wie so viele "internationale" Genfer, jenseits der nahen Grenze in Frankreich, weil es dort billiger ist als in der Schweiz.

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