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Kirgistan : Eine folgenschwere Tragödie

  • -Aktualisiert am

Kirgisische Soldaten Bild: dpa

Durch die Tragödie in Kirgistan könnten große Teile Zentralasiens in einen Strudel der Gewalt hineingerissen werden. Wegen der Nähe zu Afghanistan und der Bedeutung des Landes für Russen und Amerikaner geht es wahrlich nicht um einen Nebenschauplatz der Weltpolitik.

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          Was gehen uns die Unruhen in Kirgistan an? Ist das nicht nur ein blutiger Schauplatz mehr in einer fernen Gegend der Welt? So mag der eine oder andere angesichts der jüngsten Nachrichten über Tote und Verletzte bei Zusammenstößen zwischen Kirgisen und Usbeken im Süden der Republik Kirgistan denken.

          Doch schon ein flüchtiger Blick auf die Landkarte zeigt, wie nahe diese Krisenregion zum Dauer-Krisengebiet Afghanistan liegt. Die amerikanischen Streitkräfte bekommen einen Teil ihres Nachschubs über das Land der Kirgisen. Sie unterhalten dort, bei der Hauptstadt Bischkek, einen Stützpunkt. Desgleichen die Russen, welche die jüngsten blutigen Vorgänge in diesem etwa fünfeinhalb Millionen Einwohner zählenden Land zwischen dem Fergana-Tal, dem Talas Fluss und dem See Issyk-Kul „beobachten“.

          Taschkent fürchtet, dass die Unruhen überschwappen

          Zunächst bahnt sich eine Flüchtlingstragödie an. Usbekistan hat seine Grenze für usbekische Flüchtlinge fürs erste geschlossen. Taschkent fürchtet ein Überschwappen der Unruhe auf sein Gebiet mehr als den Ansehensverlust, den eine Verweigerung der Hilfe für die geflohenen türkischen „Brüder“ zunächst einmal bedeutet. Stabilität und Sicherheit - das ist das mit Abstand wichtigste Credo des usbekischen Präsidenten Islam Karimow, der das Land seit beinahe zwei Jahrzehnten tatsächlich stabil hält, freilich um den Preis einer Friedhofsruhe, die keinerlei Störung duldet. Kirgistans Nachbarn dürften ganz ähnlich denken. Über Usbekistan läuft allerdings auch ein bedeutender Teil des Nachschubs, der für den Kampf gegen die Taliban beim südlichen Nachbarn Afghanistan gebraucht wird, nicht zuletzt von den deutschen Soldaten.

          In Kirgistan ereignet sich eine Tragödie, die schwere Folgen für die gesamte Umgebung haben könnte, falls es nicht gelingt, sie zu dauerhaft lösen. Große Teile Zentralasiens könnten in einen Strudel der Gewalt hineingerissen werden. Als sich die fünf muslimischen Teilrepubliken Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan und Kirgistan vor annähernd zwei Jahrzehnten von der zerfallenden Sowjetunion befreiten, setzten manche gerade auf die Kirgisen große Hoffnungen. Deren erster Präsident Askar Akajew, ein Physiker, gehörte nicht - wie die anderen vier Staatschefs in der Nachbarschaft - der ehemaligen kommunistischen Nomenklatura an. Akajew schien ein Mann des Pluralismus und des harmonischen Ausgleichs zu sein und handelte wenigstens eine Zeit lang entsprechend. Und war nicht auch Tschingis Aitmatow, der große, auch im Westen längst bekannte und hoch angesehene Autor, ein Kirgise? Eine friedliche, ruhige Entwicklung des Landes schien möglich. Akajew entwarf Pläne für eine umfassende Wiederbelebung der Kultur der Seidenstraße. Es wurde jedoch eine Rauschgiftstraße daraus.

          Spätestens seit der Jahrhundertwende begann Akajews Stern endgültig zu sinken. Armut, Korruption und zunehmende Autokratie führten 2005 zu seinem Sturz durch eine Volksbewegung, die Tulpenrevolution“ genannt wurde und an deren Spitze Kurmanbek Bakijew stand. Doch wirtschaftliche Krisen, Korruption, Verbrechen und auch ein vielfaches Versagen des Staates fegten seinerseits auch diesen Präsidenten - vielleicht mit massiver russischer Hilfe, wie manche vermuten - im April aus dem Amt.

          Mafiose Strukturen

          Nun betreibt Bakijew von seinem Exil in Weißrussland aus den Umsturz. Im Süden des Landes, insbesondere in der Region von Osch und Dschalalabad haben seine Großfamilie und er selbst viele Anhänger, und die dort lebende usbekische Minderheit ist zum Sündenbock und Prügelknaben geworden. Auch mafiose Strukturen sind in den Konflikt verflochten. Das wie ein Scharnier zwischen Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan liegende Fergana-Tal ist schon immer eine Hochburg streng islamischer Kräfte gewesen. Sollten diese, verstärkt durch terroristische Gruppierungen in den Konflikt eingreifen, drohte eine schwer abzuschätzende Ausweitung der Unruhe.

          Das scheinbar so entlegene steppenhafte, wüstenartige und auch gebirgige Zentralasien hat nichts von seiner geostrategischen Bedeutung verloren. Seine Lage zwischen China, Russland, dem unruhigen islamischen Süden und der Kaukasus-Region sind ebenso bestimmend wie die riesigen Ressourcen, über die vor allem Kasachstan, Turkmenistan und auch Usbekistan verfügen. Und in Afghanistan ist das Augenmerk unlängst wieder auf die Vorräte an Lithium gefallen. Man muss nicht immer die triviale, aus dem 19. Jahrhundert stammende Formel von dem „Great Game“ bemühen, um die Brisanz der Lage zu erkennen. Wird Kirgistan des Aufruhrs alleine Herr werden können? Die Interimspräsidentin Rosa Otunbajewa hat schon mehrfach um Hilfe ersucht. Solche „Hilferufe“ haben einen schlechten Ruf in der Weltgeschichte, zumal der jüngeren. Moskau wäre gewiss in der Lage und auch willens, den Unruhen ein Ende zu bereiten. Und der aus dem KGB kommende Ministerpräsident Putin wüsste auch, wie man ein Land darüber hinaus ruhigstellt und ruhig hält. Doch es bedeutete auch, Kirgistan (nicht nur in den Augen Moskaus) endgültig zum gescheiterten Staat zu erklären - und zu einem vielleicht verhängnisvollen Präjudiz für die Staaten in seiner Nachbarschaft zu machen.

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