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Kirchentag in Köln : „Ich bin Afrikaner - ich bin euer Bruder“

  • -Aktualisiert am

Kirchentagsbesucher: Als gelte es, einen Rockstar zu feiern Bild: dpa

Sein Auftritt hat viele Besucher des Evangelischen Kirchentags berührt. Als Südafrikas Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu seine kurze Rede beendet hat, brechen zehntausend vor allem junge Menschen in Jubel aus, beobachtete Thomas Holl.

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          Sein Auftritt hat viele vor allem junge Besucher des Evangelischen Kirchentags berührt. Als der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu seine kurze Rede auf der Bühne vor der mächtigen Kulisse des Kölner Doms beendet hat, bricht zum ersten Mal an diesem schwülen Fronleichnamsabend wirklicher Jubel unter den gut 10.000 Menschen auf dem Roncalliplatz aus. Rote Luftballons mit der Aufschrift „Illegitime Schulden“ steigen in den Himmel. Auch jene Kirchentagsbesucher, die zuvor bei den Worten Tutus noch in Woodstock-Manier lässig auf den Steinplatten gekauert hatten, springen auf und klatschen dem kleinen, freundlich lachenden Mann im purpurnen Ornat begeistert zu. Sie strecken die Arme in den Himmel, als gelte es, einen Rockstar zu feiern.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Es ist eine Rede, die im charismatischen Predigerstil Martin Luther Kings gegenüber den in Heiligendamm versammelten Führern der G-8-Staaten den Stolz und die Würde Afrikas beschwört und zugleich eine einfache, Völker und Religionen verbindende Botschaft zur Rettung der Welt verkündet, die seit Jahrzehnten zu den politischen Grundmelodien von Kirchentagen gehört.

          „Ich will das gleiche“

          „Ich bin ein Afrikaner. Ich bin ein Mann. Ich bin ein Mensch. Ich bin kein Objekt, das Almosen braucht. Ich bin stolz. Ich bin kein Objekt, das Mitleid braucht. Ich bin nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Wir sind geschaffen worden, um zusammenzuleben. Wir können nur zusammen überleben. Wir können nur zusammen menschlich sein. Ihr Führer mögt fragen, was ich brauche, was ich will. Nun, ich frage euch: Was braucht ihr denn? Ich will das gleiche. Ich bin ein Kind Gottes, ich bin kein Stiefkind Gottes. Ich bin ein Afrikaner - ich bin euer Bruder.“

          Desmond Tutu: „Wir können nur zusammen überleben”

          Nach dem Willen der Kirchentagsleitung sollte ein „Ruf nach Heiligendamm“ von Köln ausgehen - für einen Schuldenerlass an die Länder der Dritten Welt, für den Zugang aller Menschen zu sauberem Wasser, für bezahlbare Medikamente gegen Aids und Malaria, für eine radikale Umkehr in der Klimapolitik. Kirchentagspräsident Reinhard Höppner hatte für den Appell des Protestantentreffens unter dem Motto „Die Macht der Würde: Globalisierung neu denken“ ein Sprichwort im protestantischen Sinne umgewidmet, das die Erfahrung vieler spiegelt: „Lasst nicht Geld die Welt regieren.“ Und Höppner hat es erkennbar auf die vermeintlich rücksichts- und instinktlose Politik des amerikanischen Präsidenten George W. Bush gemünzt.

          „Vermeidet Demütigungen“

          Der frühere SPD-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt erteilte gleich noch ein paar weitere Ratschläge an die Mächtigen dieser Welt: „Es gibt eine einfache Regel: Vermeidet Demütigungen. Das führt zu Gewalt und Terror. Wer auf die Macht des Stärkeren setzt, demütigt den Schwächeren und erntet Gewalt.“

          Neben all den gutgemeinten Appellen und dringlichen Wortmeldungen etwa des eigens aus Rostock herbeigeschalteten Herbert Grönemeyer waren es wie beim Anti-Globalisierungs-Festival an der Ostsee neben der Ausnahmegestalt eines Bischof Tutu vor allem Künstler und ihre Musik, die die Jungen im Publikum bewegten. Die als Zusammenschluss bekannter afrodeutscher Soul-, Reggae- und Hip-Hop-Musiker wie Gentleman oder Xavier Naidoo gegründete antirassistische Bandvereinigung „Brothers Keeper“ brachte sie auf die Tanzbeine. Da wurde selbst der singende Gastauftritt der Schauspieldiva Katja Riemann wohlwollend hingenommen, die den zum Kirchentag passenden esoterischen Hippieschlager „Aquarius“ aus dem Musical „Hair“ im glamourösen weißen Sommerkleid zum Besten gab.

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