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Kirchentag in Köln : „Appeasement an dieser Stelle wäre Verrat“

  • -Aktualisiert am

Huber und Köhler beim Kirchentag: Mit Spannung erwartetes Gespräch Bild: picture-alliance/ dpa

Die Kontroverse zwischen Evangelischer Kirche und Muslimen wurde beim Kirchentag fortgeführt. Hauptstreitpunkt: Die Achtung der Religionsfreiheit. Der Muslimvertreter Köhler warf seinem Gegenüber Bischof Huber vor, die „Islamophobie“ zu schüren.

          Das Gespräch auf dem Kölner Evangelischen Kirchentag war mit großer Spannung erwartet worden. Handelte es sich doch um die erste öffentliche Begegnung zwischen Vertretern muslimischer Organisationen und dem Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, knapp eine Woche nach dem ergebnislosen Treffen in der Mannheimer Yavuz-Sultan-Selim-Moschee.

          Umstritten war vieles, vor allem die Religionsfreiheit. Die Kontroverse um die Frage der Religionsfreiheit - in islamischen Ländern wie auch im Bewusstsein der Muslime in Deutschland - wurde in Köln weitergeführt, getreu der Losung des Kirchentages: „Lebendig und kräftig und schärfer“.

          Die „breite Blutspur“ von Europa

          Ayyub Axel Köhler, der Vorsitzende des Koordinierungsrates der Muslime, wies sogleich darauf hin, dass die Bekämpfung und Abwehr nichtchristlicher Religionen ein „schwarzer Teil“ der europäischen Geschichte sei. Nach dem Grundsatz „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein“ habe Europa eine „breite Blutspur“ in der Welt hinterlassen. Eine Abkehr von dieser Tradition sei unter anderem mit der Festschreibung der Religionsfreiheit ins Grundgesetz gegeben. „Muslime gehören in die erste Reihe derer, die dieses Recht verteidigen“, bekräftigte Köhler.

          Gerade von den Protestanten, die doch der Kampf um die Glaubensfreiheit bis hin zum Augsburger Religionsfrieden viel gekostet habe, hätten sich die deutschen Muslime mehr Verständnis erhofft. Leider spreche die Handreichung der EKD „Klarheit und gute Nachbarschaft. Christen und Muslime in Deutschland“ die Sprache der Abgrenzung und der eigenen Profilierung. Sie verstärke die „Islamophobie“ in Deutschland. Köhler schlug vor, in Analogie zum Augsburger Religionsfrieden im Anschluss an die Islamkonferenz einen „Berliner Religionsfrieden“ zu schließen.

          „Nur ein Ja ohne jegliches Wenn und Aber“

          Huber wandte sich scharf gegen den Vorwurf, die EKD erhebe einen Generalverdacht gegen Muslime. Dagegen spreche schon der jahrelange Einsatz der EKD für die Einführung eines Islamunterrichts an den Schulen. Zum Dialog gehöre die Einsicht, dass mit der Gewährung von Religionsfreiheit nicht zugleich jede Äußerung sakrosankt sei. Auch unterscheide die EKD sehr genau zwischen Mission und Dialog. Allerdings sei es die Pflicht jedes Glaubenden gleich welcher Religion, für das einzutreten, was er als wahr anerkenne. Christen müssten zu ihrem Bekenntnis stehen. Dies bedeute keine falsche Profilierung.

          Huber bestimmte die Religionsfreiheit genauer als Köhler. Religionsfreiheit vertrage „nur ein Ja ohne jegliches Wenn und Aber“. Das bedeute zugleich, sie gelte für alle und an allen Orten, für Muslime in Deutschland genauso wie für Christen in der Türkei. So müssten Menschen auch darin frei sein können, ihre Religion zu wechseln. Dies sei aber heute in einigen islamischen Staaten, die die Abkehr vom Islam mit dem Tode bestraften, nicht der Fall.

          „Aus der Akzeptanz sollte ein Bejahen werden“

          Deshalb verdiene es Beachtung, dass der Zentralrat der Muslime das Recht, die Religion zu wechseln, eine andere oder keine Religion zu haben, anerkannt habe. „Aus der Akzeptanz sollte ein Bejahen werden“, forderte Huber. Einstweilen gebe es in Deutschland Muslime, die nicht wagten, ihren Übertritt zum christlichen Glauben öffentlich zu machen. „Appeasement an dieser Stelle wäre Verrat an der Religionsfreiheit selbst“, bekräftigte der Ratsvorsitzende. Nach den Worten Hubers kann Religionsfreiheit nur in einem säkularen Staat verwirklicht werden, der Pluralität zulässt und sich selbst auch nicht religiös gebärdet.

          Ali Ertan Toprak, Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland, sagte, viele Aleviten lebten gerade wegen der garantierten Religionsfreiheit gerne in Deutschland. Dass sie als Religionsgemeinschaft in der Türkei nicht anerkannt seien, sei „unwürdig für einen Beitrittskandidaten“ der Europäischen Union. Ihn störe die „Doppelmoral“ vieler Muslime in Deutschland, die den Aleviten auch hier eine Anerkennung verweigerten.

          Bekir Alboga, Beauftragter für den interreligiösen Dialog des mit dem türkischen Religionsamt verbundenen muslimischen Verbandes Ditib, bekräftigte, dass das Verhältnis zur EKD keinesfalls entspannt sei. So habe er Bischof Huber gebeten, bei öffentlichen Auftritten mehr zur Entspannung beizutragen. Dass das Treffen in Mannheim zustande kam, sei aber ein Schritt in die richtige Richtung gewesen. Dagegen wandte Huber ein, der Fortschritt habe nicht im Zustandekommen des Treffens gelegen, sondern in der Einladung. Der Koordinierungsrat hatte zu Beginn des Jahres ein bereits vereinbartes Treffen abgesagt.

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