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Missbrauchsskandal : Kirchenaustritte im Erzbistum Köln erreichen Rekordniveau

Düstere Perspektiven: Blick durch die Scheibe einer geöffneten Tür des Kölner Hauptbahnhofs auf die Nordseite des Kölner Doms Bild: Finn Winkler

Im Erzbistum Köln sind 2021 offenbar mehr Katholiken als je zuvor aus der Kirche ausgetreten. Das ergab eine F.A.Z.-Anfrage bei mehreren Amtsgerichten. „Da brennt es unter unserem Kirchendach lichterloh“, sagt der Vorsitzende des Diözesanrates.

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          Im Erzbistum Köln sind im Jahr 2021 angesichts des desaströsen Umgangs mit der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch durch Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki offenbar so viele Katholiken wie nie zuvor aus der Kirche ausgetreten. Dafür sprechen die Austrittszahlen, die das Amtsgericht Köln am Montag veröffentlichte, sowie Anfragen der F.A.Z. bei weiteren Amtsgerichten im Erzbistum. Nach Angaben des Amtsgerichts Köln hat sich die Zahl der Austritte gegenüber dem bisherigen Höchststand von 2019 nahezu verdoppelt. Für 2021 wurden in Köln demnach 19.340 Austritte verzeichnet, zwei Jahre zuvor waren es 10 073. Im Jahr 2020 war die Zahl wie überall in Deutschland wegen der pandemiebedingten Einschränkungen noch rückläufig gewesen.

          Thomas Jansen
          Redakteur in der Politik.

          Das Amtsgericht Köln schlüsselt seine Statistik zwar nicht nach Konfessionen auf; aber es kann als sicher gelten, dass die drastische Zunahme zum größten Teil auf das Konto der Katholiken geht. Einen solchen „Woelki-Effekt“ legen auch die Zahlen aus fünf weiteren Städten im Erzbistum nahe, für die der F.A.Z. nach Konfessionen aufgeschlüsselte Daten vorliegen. In Bonn etwa verzeichnete das Amtsgericht mehr als eine Verdoppelung der Austrittszahlen gegenüber dem Rekordjahr 2019; von 1997 Katholiken auf 4116. Die Zahl der ausgetretenen Protestanten stieg hier um rund fünfzig Prozent.

          In Düsseldorf, der zweitgrößten Stadt im Erzbistum, hat die Zahl der Austritte um mehr als dreißig Prozent zugenommen. Wie das dortige Amtsgericht mitteilte, traten hier im Jahr 2021 3963 Katholiken aus der Kirche aus, im Jahr 2019 waren es 2826. In Wuppertal und Leverkusen betrug die Zunahme jeweils mehr als fünfzig Prozent gegenüber dem Jahr 2019; nur in Solingen blieb die Zahl der Austritte auf dem hohen Niveau von 2019 ungefähr konstant.

          Die massenhafte Abkehr der Katholiken von ihrer Kirche im Erzbistum Köln ist offenbar keineswegs nur ein großstädtisches Phänomen. Im Bezirk des Amtsgerichts Siegburg in der Nähe von Bonn etwa, zu dem ländliche Gemeinden wie Ruppichteroth und Neunkirchen-Seelscheid gehören, nahm die Zahl der Kirchenaustritte gegenüber 2019 um etwa die Hälfte zu.

          Das Erzbistum Köln sieht keine Veranlassung, sich zu den Austrittszahlen zu äußern. Auf Anfrage der F.A.Z. teilte das Erzbistum am Dienstag mit, dass die Zahlen für 2021 „voraussichtlich im Sommer zeitgleich von allen Bistümern und Landeskirchen veröffentlicht werden“.

          Der Vorsitzende des Diözesanrates im Erzbistum Köln, der Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach zeigte sich erschrocken darüber, dass sich die Zahl der Kirchenaustritte in der Stadt Köln nahezu verdoppelt hat. Viele langjährig Engagierte kehrten der Kirche den Rücken, sagte der SPD-Politiker dem bistumseigenen Internetportal domradio.de. „Da brennt es unter unserem Kirchendach im Erzbistum Köln lichterloh“.

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