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Kirche und Homosexualität : Zerreißprobe für die Lutheraner

Erzbischof Rowan Williams, Oberhaupt der Anglikanischen Kirche, begegnet Befürwortern der Homosexuellen-Emanzipation mit Schweigen und Repression Bild: dpa

Der Lutherische Weltbund stemmt sich gegen einen ähnlichen Zerfallsprozess, wie er derzeit in der anglikanischen Weltkirche stattfindet. Schon eine Vertagung des Konflikts über homosexuelle Pfarrer wäre dabei ein Erfolg.

          Ein einziges Mal hält Ishmael Noko inne und tupft sich mit einem Tuch fiktive Schweißperlen von der Stirn. Der Rest seines Vortragsmanuskripts ist nicht länger als eine Seite. Es könnten die wichtigsten elf Sätze seiner 16 Jahre währenden Amtszeit sein. Der scheidende Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes (LWB) schlägt den Delegierten, die aus aller Welt nach Württemberg angereist sind, vor, die Vollversammlung möge über „Herausforderungen im Blick auf Fragen der Ehe, der Familie und der Sexualität“ keine eingehenden Beratungen anstellen. Das Wort „Homosexualität“, kommt Noko nicht über die Lippen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Und doch ist der Umgang der Kirchen mit Homosexualität diejenige Frage, welche die Gemeinschaft der 70 Millionen Lutheraner in den 145 Mitgliedskirchen des LWB an den Rand einer Spaltung bringt. Vor allem die rasant wachsenden Kirchen aus Afrika wollen nicht akzeptieren, dass sich Kirchen des Nordens entschließen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu segnen, homosexuelle Theologen zu ordinieren oder sogar in Bischofsämter zu wählen. Manche Delegierte aus Europa und Nordamerika halten den Widerstand aus dem Süden für ignorant, was dort als „eurozentristisch“ gilt.

          In harter Konkurrenz mit dem Islam oder charismatischen Kirchen

          Die Gegner begründen ihre Ablehnung der Homosexualität über Schriftstellen: Schwuler Sex sei schlicht verwerflich. Unter den Afrikanern dürfte dabei allerdings auch ein Ressentiment gegenüber den Europäern mitschwingen, mit dem der LWB seit langem zu kämpfen hat. Sie verweisen darauf, dass die Europäer mit großer moralischer Orchestrierung Dinge tun, über die Missionare vor Jahren noch das Gegenteil lehrten. Und es gibt noch eine dritte Erklärung des Konflikts: Die lutherischen Kirchen des Südens stehen in harter Konkurrenz mit dem Islam oder charismatischen Kirchen. Durch rigide Moralvorstellungen bezüglich Ehe, Alkohol und Fleiß befördern diese religiösen Strömungen den sozialen Aufstieg ihrer Mitglieder. Das Gerücht, Homosexualität zu fördern, geriete für Lutheraner in dieser Umgebung zum Wettbewerbsnachteil.

          Auch deshalb hat Anfang des Jahres die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania, die im vergangenen Jahr laut LWB-Statistik um 670.000 auf 5,3 Millionen Mitglieder gewachsen ist, einen Brief versandt, der die Gerüchte über den Zerfall des Weltbundes befeuerte. Mit eigentümlichem Stolz kündigte die zweitgrößte LWB-Kirche darin an, kein Geld mehr von Kirchen anzunehmen, die gleichgeschlechtliche Paare segnen.

          Es ist wichtig, dass wir gemeinsam voranschreiten

          Gebannt blicken die Delegierten deshalb auf den Mann, der sich unmittelbar nach Ishmael Nokos Appell, nicht über Homosexualität zu verhandeln, zum Mikrofon begibt. Es ist Elisa Buberwa, Bischof von Tansania. Sein weites schwarzes Kollarhemd aus seidigem Stoff fällt ihm fast bis zu den Knien herab. Der hagere Bischof ist eine Erscheinung von schlichter Eleganz. Sollte er dem Generalsekretär widersprechen und den Konflikt schüren - die Spaltung des Weltbundes wäre mit Händen zu greifen. Buberwa kommt ohne lange Umschweife auf den entscheidenden Abschnitt der Rede des Generalsekretärs zu sprechen. Er verstehe Nokos Appell als Mahnung zur Geduld. Dann die Entwarnung: Auch Tansania wolle energisch raten: „Dass wir uns beeilen, ist nicht nötig. Es ist wichtig, dass wir gemeinsam voranschreiten.“ Sonst sei nicht glaubwürdig, dass die Kirche die Einheit der Menschen stärken könne.

          Eine Spaltung des LWB scheint mit diesem Statement gleich zu Beginn der Vollversammlung abgewendet. Die Vorarbeit Nokos bei seinen afrikanischen Kollegen in den Monaten vor dem alle sieben Jahre stattfindenden Treffen wäre somit von Erfolg gekrönt. Buberwa tritt dafür ein, das Ende des 2007 begonnenen Konsultationsprozesses über Sexualität im Jahr 2012 abzuwarten. Der schwelende Konflikt soll also ein weiteres Mal vertagt werden. Aber Buberwa formuliert etwas gewunden die Bedingung Tansanias: Alle LWB-Kirchen sollten sich dem Ruf zur Geduld unterordnen und keine „Entscheidungen in eine Richtung“ fällen.

          Der Kampf der Kulturen ist mitnichten allein ein Nord-Süd-Konflikt

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