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Kirche und Homosexualität : Zerreißprobe für die Lutheraner

Angesprochen dürfen sich davon Schweden und Amerikaner fühlen. Die Schweden haben vor kurzem für die Trauung Homosexueller einen Ritus entwickelt. Sie waren dazu als De-facto-Staatskirche allerdings durch ein Gesetz genötigt worden. Übler wird ihnen von den Afrikanern genommen, dass die im vergangenen November gewählte Bischöfin von Stockholm schon vor ihrer Wahl keinen Hehl daraus machte, dass sie mit einer Frau zusammenlebt. Die Verabredung im LWB, über „Ehe, Familie und Sexualität“ zunächst nur zu beraten, wurde von den Schweden ignoriert. Die Amerikaner wiederum haben im vergangenen Jahre ihre - in der kirchlichen Praxis allerdings oftmals umgangene - Regelung, dass homosexuelle Pastoren zölibatär leben müssen, dahingehend geändert, dass diese fortan mit ihren Partnern zusammenleben dürfen, solange die betreffende Kirchengemeinde nichts dagegen einzuwenden hat.

In Scharen laufen seither die Gläubigen der Kirche des LWB-Präsidenten Bischof Mark Hanson davon. Der Konflikt spiegelt auch einen Graben in der amerikanischen Gesellschaft: In den Seminaren der großen Städte werden äußerst progressive junge Theologen herangezogen, die dann in die Landgemeinden nachrücken und dort auf Gläubige stoßen, die lieber konvertieren als sich auf die neue Färbung einzulassen. Der Kampf der Kulturen innerhalb des Lutherischen Weltbundes ist somit mitnichten allein ein Nord-Süd-Konflikt. Selbst die lutherischen Landeskirchen in Deutschland sind im Umgang mit Homosexualität uneins: hier die mehrheitlich konservativen Württemberger, dort die progressive nordelbische Kirche, die bereits einen Schwulen als Kandidaten für ein Bischofsamt nominiert hatte.

Nicht mehr als ein Aufschub

Seit der mit einem Mann in einer eingetragenen Partnerschaft lebende Anglikaner Gene Robinson 2003 zum Bischof von New Hampshire gewählt worden ist, wird die anglikanische Gemeinschaft, in Größe, Struktur und Geschichte den Lutheranern nicht ganz unähnlich, ihrer Spaltungen nicht mehr Herr. Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury und spirituelles Oberhaupt der Anglikaner, hat die Kontrolle über die Lage verloren. Die Entscheidung des Lutherischen Weltbundes, das Hauptreferat zum Tagungsmotto „Unser tägliches Brot gib uns heute“ von Rowan Williams halten zu lassen, entbehrt deshalb nicht einer gewissen Ironie - zumal sich LWB-Präsident Mark Hanson und Rowan Williams frappierend ähnlich sind: Mit ihren weißen Bärten, dem schütteren Haar und einer leicht gebeugten Schreibstubenhaltung erfüllen sie schon äußerlich das Klischee des linksliberalen Intellektuellen. Zudem pflegen der renommierte Oxford-Patristiker Williams und der Chicagoer Bischof denselben hochdifferenzierten Zugang zu ihrer theologischen Tradition - ein Zugang, der freilich nicht überall verstanden und geschätzt wird.

Gleichwohl scheint Mark Hanson zum Abschluss seiner Amtszeit im Vergleich zu Williams die bessere Strategie gewählt zu haben: Statt dem Konflikt wie Williams mit einer wenig gelungenen Mischung aus Schweigen und Repression gegenüber den Befürwortern der Homosexuellen-Emanzipation zu begegnen, zieht Hanson mit Leidenschaft und Offenheit gegen die drohende Spaltung zu Felde: „Ich habe große Sorge, dass wir an einem Abgrund stehen“, warnt der scheidende Präsident. 2017, das 500-jährige Reformationsjubiläum, dürfe nicht zum Jahr einer Kirchenspaltung werden. Statt auf eine Autorität, die er nicht hat, stützt sich Hanson auf einen Grundgedanken der lutherischen Reformation: Die Einheit der Kirche besteht in erster Linie nicht in moralischen Lehren und menschlichen Riten, sondern im richtigen Verständnis des Evangeliums: Gerechtigkeit nicht aus Werken, sondern allein aus Glauben.

Falls bis zum Abschluss der Vollversammlung am kommenden Dienstag keine Rebellion erfolgt, haben Hanson und Noko gemeinschaftlich bewiesen, dass das innere Band des Bekenntnisses weiterhin Menschen über Kulturschranken zu verbinden vermag. Gleichwohl: Mehr als einen Aufschub haben sie nicht erreicht. Wenn der LWB Glück hat, wird künftig die Einsicht größer, dass es für religiöse Gemeinschaften wichtigere Fragen gibt als die Homosexualität. Auch bei der Frauenordination, die der LWB mit Nachdruck befürwortet, werden manche Rückschritte (Lettland etwa hat sich entschieden, die Ordination von Frauen einzustellen) durch zahlreichere Fortschritte überwogen.

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