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Untersuchungsbericht vorgelegt : „Kirche vertuschte Missbrauch“

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Schlussbericht mit 250 Seiten: Wegen personenbezogener Daten will das Ordinariat ihn jedoch nicht veröffentlichen Bild: dpa

Mit Verharmlosung und Vertuschung hat die Erzdiözese München von 1945 bis 2009 auf Missbrauchsfälle in ihren Reihen reagiert. Eine Anwaltskanzlei hat festgestellt, dass „in erheblichem Umfang“ Akten vernichtet worden seien.

          In der Erzdiözese München und Freising ist in den vergangenen Jahrzehnten der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester und andere kirchliche Mitarbeiter im großen Ausmaß vertuscht worden. Eine Anwaltskanzlei, die im Auftrag der Erzdiözese die Jahre 1945 bis 2009 untersuchte, hat festgestellt, dass „in erheblichem Umfang“ Akten vernichtet worden seien. „Weitreichende Aktenbestände“ seien außerhalb des Ordinariats in Privatwohnungen verbracht und „einem manipulativen Zugriff“ ausgesetzt gewesen. Deshalb müsse über die Fälle von 159 Priestern, die in diesem Zeitraum wegen Übergriffe auffällig geworden seien, hinaus von einer beträchtlichen Dunkelziffer ausgegangen werden, lautete am Freitag ein Fazit der Anwälte.

          Die Erzdiözese hatte im April die Rechtsanwaltskanzlei Westpfahl, Spilker, Wastl beauftragt, sexuelle und sonstige körperliche Übergriffe durch Priester und andere kirchliche Mitarbeiter in der Zeit von 1949 bis 2009 zu untersuchen. Ein Schwerpunkt sollte dabei auf strukturelle Mängel gelegt werden. Der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, sagte am Freitag, die Grundlage für die Arbeit der Kirche sei Glaubwürdigkeit; sie habe in diesem Jahr, als die Missbrauchsfälle bekannt geworden seien, schweren Schaden genommen und müsse durch „größtmögliche Transparenz“ zurückgewonnen werden.

          Die Rechtsanwältin Marion Westpfahl hob hervor, dass sie bei ihrer Arbeit durch die Erzdiözese vorbehaltslos unterstützt worden sei; es habe auch keinerlei Versuche gegeben, Einfluss auf die Bewertungen zu nehmen. Die gegenwärtige Führung der Erzdiözese habe einen „unbedingten Aufklärungswillen“. Sie und ihre Kanzleikollegen haben 365 Akten, in denen sich Hinweise auf Missbrauchstaten fanden, gesichtet und frühere und gegenwärtige Verantwortliche des Ordinariats befragt. Ihr Schlussbericht hat 250 Seiten, den das Ordinariat wegen personenbezogener Daten nicht veröffentlichen will; am Freitag wurde eine sieben Seiten umfassende Zusammenfassung vorgelegt, welche die „Kernaussagen“ enthalten soll.

          Neben der unzureichende Aktenlage beklagen die Anwälte einen verharmlosenden und beschönigenden Sprachgebrauch, der in den Jahren 1945 bis 2009 durch das Ordinariat gepflegt worden sei. Das Tatgeschehen und die Auswirkungen auf die Opfer seien in vielen Fällen nur zu erahnen; diese Praxis habe erst der Missbrauchsbeauftragte, den die Diözese in diesem Jahr benannt habe, korrigiert.

          „Rücksichtsloser Schutz des eigenen Standes“

          Die Anwälte werfen dem Ordinariat vor, bis zum Inkrafttreten der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zum sexuellen Missbrauch im Jahr 2002 die Opfer und ihre körperlichen und seelischen Verletzungen nicht beachtet zu haben. Es habe ein Desinteresse gegenüber den Opfern gegeben; eine besonders krasse Form habe diese Missachtung in Fällen erreicht, in denen Priester, die durch eine Sexualstraftat auffällig geworden seien, wieder an anderen Orten eingesetzt worden seien, unter Verschweigen der Hintergründe ihrer Versetzung. Besonderes Aufsehen hatte in den vergangenen Monaten der Fall eines Priesters erregt, der in der Erzdiözese nach einer rechtskräftigen Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger wieder als Seelsorger arbeiten konnte.

          Dieser Priester war 1980, nachdem er im Bistum Essen einen Elfjährigen missbraucht hatte, nach München gekommen, als Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., Erzbischof in München war. In München sollte der Priester sich einer Therapie unterziehen, wurde aber kurz darauf wieder in der Seelsorge eingesetzt. Nach Darstellung des Ordinariats erfolgte diese Verwendung ohne Wissen Ratzingers. Nach Einschätzung der Anwälte änderte sich in den Jahren 1977 bis 1981, in denen Ratzinger an der Spitze der Diözese stand, nichts an den grundsätzlichen Aufklärungsmängeln und dem Desinteresse gegenüber den Opfern. Es gebe allerdings einen Fall, in dem Ratzinger in einem Brief einen Priester, der nach einem Missbrauchsfall seine Gemeinde verlassen musste und sich beim Kardinal beschwerte, beschied, er müsse die Konsequenzen seiner Tat tragen.

          Die Ursache für Aufklärungsdefizite sehen die Anwälte in einem „fehlinterpretierten klerikalen Selbstverständnis“, mit einem „rücksichtslosen Schutz des eigenen Standes.“ Ein weiteres Aufklärungshindernis in den Jahren 1945 bis 2009 sei das „besondere Erpressungspotential“ gewesen, dem homosexuell veranlagte Kleriker, darunter auch höherrangige Personen, ausgesetzt gewesen seien.

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