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Türkei : Nicht zum Affen machen lassen

Nichts für türkische Fünftklässler: Darwins Affen,wie sie der Maler Gabriel von Max sah Bild: Wonge Bergmann

Stammt der Mensch vom Affen ab? Auf diese Frage eines türkischen Schülers antwortete ein Lehrer mit Darwin. Doch die Evolutionstheorie sei kein Stoff für Fünftklässler, werfen ihm Kritiker vor. Die Türkei streitet.

          Zwei Mal in der Woche, am Montag und am Freitag, müssen die Schulkinder morgens strammstehen: In jeder türkischen Schule (und auch in der deutschen Schule in Istanbul) erklingt dann die Nationalhymne. In türkischen Schulen gibt es zur Sicherheit außerdem auch eine tägliche Pflichtübung in Patriotismus: Die Kinder versammeln sich vor einer Büste des Staatsgründers Atatürk, dessen Porträt in jedem Klassenzimmer hängt, und sagen ein staatstragendes Gedicht auf, das mit der Losung „Glücklich ist, wer sich Türke nennen kann“ endet.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das stört offenbar wenige türkische Eltern, denn Beschwerden darüber hört man kaum. Was aber unlängst ein Fünftklässler aus Ankara über sein Schulerlebnis berichtete, beschäftigt inzwischen das ganze Land. Der Schüler, so berichteten es zumindest türkische Medien, hatte seiner Mutter erzählt, dass sein Lehrer im Unterricht als Antwort auf die Frage, ob der Mensch vom Affen abstamme, über Darwin und die Evolutionstheorie berichtet habe. Als die Mutter des Fünftklässlers davon hörte, legte sie eine Beschwerde bei der regionalen Schulbehörde ein, in der sie sich über die (vermeintliche) Feststellung des Lehrers erregte, Affen seien der Menschen Vorfahren.

          Evolutionstheorie kein Stoff für die fünfte Klasse

          Die Schulbehörde leitete eine Untersuchung ein, in deren Mittelpunkt jedoch nicht die Frage stand, ob die Menschheit im Allgemeinen oder die Türken im Besonderen von Affen abstammen, sondern nur, ob der inkriminierte Lehrer Derartiges behauptet hat. Insgesamt neun von 42 Schülern aus der Klasse sollen in der Sache aussagen oder haben bereits ausgesagt. Nachdem drei Schüler bestätigten, dass ihr Erzieher tatsächlich über Darwin, Affen und Evolution gesprochen hatte, wurde der Lehrer offiziell verwarnt, da die Evolutionstheorie kein Stoff für die fünfte Klasse sei, offenbar also auch bei Antworten auf Fragen der Schüler als inexistent zu behandeln ist.

          Doch eine Lehrergewerkschaft hat angekündigt, sie werde Protest gegen die Verwarnung einlegen. „Das wahre Motiv hinter der Verwarnung ist der Konflikt zwischen jenen, die versuchen, Bildung auf einer religiösen Grundlage zu errichten, und jenen, die sich an wissenschaftlichen Quellen orientieren“, wurde ein Gewerkschaftsführer zitiert.

          AKP stoppte wissenschaftliche Zeitung

          Ist dieser Vorfall an einer Ankaraner Grundschule ein Anzeichen für die wachsende Islamisierung der Türkei, wie sie von den Gegnern der im Islam verwurzelten Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) und des frommen Ministerpräsidenten Erdogan seit Jahren behauptet wird, oder nur ein harmloser Einzelfall? In der Türkei wird seit einigen Jahren regelmäßig über Charles Darwin gestritten. Manche, wie der seltsame türkische Publizist Harun Yahya, führen dabei publizistischen Feldzug: Der finanzkräftige Vielschreiber verschenkt seinen „Atlas der Schöpfung“ gern kostenlos an Schulen und Journalisten. Doch ihn nimmt außer einer kleinen Schar niemand ernst. Bedenklicher sind Fälle, bei denen der Streit über Darwin mitten in die Wissenschaft getragen wird. Der jüngste Fall erinnert viele Türken an den Streit über die wissenschaftliche Zeitschrift „Bilim ve Teknik“ (Wissenschaft und Technik) im Frühjahr 2009.

          Die Produktion des Märzhefts von Bilim ve Teknik, das mit einer Titelgeschichte zu Charles Darwin hätte erscheinen sollen, war in letzter Minute gestoppt worden. Der Text sowie Darwins Porträt auf dem Titel mussten auf Geheiß des mit AKP-Leuten besetzten Amts für Wissenschaft und Forschung (Tübitak) entfernt werden, der Chefredakteurin wurde mit Entlassung gedroht. Erst nach heftigen Protesten sprach Tübitak von einem „Missverständnis.“

          Es war davon die Rede, dass die Chefredakteurin nur deshalb entlassen werden solle, weil sie ihre Kompetenzen überschritten habe. Mit Darwin habe das nichts zu tun. Es werde eine Darwin-Geschichte geben, aber erst in seiner späteren Ausgabe, hieß es aus dem Amt. Die Märzausgabe 2009 erschien hingegen mit einer Geschichte über den Klimawandel. Die Geschichte über Darwin gab es später tatsächlich. Zuvor hatten sich auch mehrere AKP-Politiker kritisch über den „Eingriff“ von Tübitak geäußert.

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