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Religion im 21. Jahrhundert : Konstantinopel - vor und nach dem Fall

  • -Aktualisiert am

Hagia Sofia: 1453 wurde die größte Kirche der Christenheit zur Moschee Bild: picture-alliance / dpa

Bei seinem Besuch in der Türkei trifft der Papst nicht nur auf den aktuellen Islam, sondern auch auf Reminiszenzen an das christliche Reich der Byzantiner und frühe Stätten der Christenheit. Wolfgang Günter Lerch über eine Geschichte, die noch lange nicht zu Ende ist.

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          Es waren nur etwa hundert Personen, die in der vorigen Woche gegen den Besuch des Papstes Benedikt XVI. in der Türkei in dieser Woche demonstrierten; doch der Ort, an dem das geschah, hätte symbolträchtiger nicht sein können: Es ereignete sich nahe der Hagia Sophia, der „Kirche der Heiligen Weisheit“. Wie kein anderes Bauwerk Istanbuls, des ehemaligen Konstantinopel, steht die Hagia Sophia für den islamisch-christlichen Antagonismus, jedoch auch, obzwar nur bisweilen, für die Vermittlung zwischen beiden Weltreligionen und abendländischer und morgenländischer Kultur.

          Bis zur Erbauung des Petersdoms zu Rom im 16. Jahrhundert war die Hagia Sophia, die in ihrer jetzigen Gestalt unter Kaiser Justinian im sechsten nachchristlichen Jahrhundert errichtet wurde, die größte und prachtvollste Kirche der Christenheit. Nach der Eroberung durch die osmanischen Türken am 29. Mai des Jahres 1453 wurde die Kirche die Hauptmoschee der neuen osmanischen Hauptstadt am Bosporus; sie blieb es, bis Mustafa Kemal Atatürk die Kirche in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Zuge seiner Modernisierungs- und Verweltlichungskampagne in ein Museum umwandelte. Seit vielen Jahren schon, und unabhängig vom Besuch des Papstes, versuchen besonders Fromme unter den Muslimen zu erreichen, daß sie für das öffentliche Gebet, vor allem am Freitag, wieder geöffnet werde.

          Die byzantinische Vergangenheit der Türkei

          Der Papstbesuch gilt offiziell dem einladenden Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., der im Istanbuler Patriarchat am Goldenen Horn residiert. Er repräsentiert nur noch wenige tausend orthodoxe Christen, wird jedoch von den übrigen etwa dreihundert Millionen orthodoxer Christen außerhalb der Türkei als geistliches Oberhaupt anerkannt. In der Türkei selbst sind 99 Prozent der Bevölkerung Muslime, Christen gibt es nur noch etwa 100.000. Die meisten, etwa 65.000, gehören der armenischen Kirche an. So lenkt der erste Besuch des Papstes in einem nichtwestlichen, muslimischen Land den Blick des Westens nicht nur auf den „Zusammenprall der Kulturen“, sondern auch auf die byzantinische Vergangenheit der Türkei, auf ein christliches Großreich, das etwas länger als elf Jahrhunderte bestand, bis es schließlich dem Islam anheimfiel. Symbol dafür sind jene vier ziemlich klobigen Minarette, die man in islamischer Zeit der Hagia Sophia hinzufügte.

          Der Patriarch von Konstantinopel: Bartholomaios I.
          Der Patriarch von Konstantinopel: Bartholomaios I. : Bild: picture-alliance/ dpa

          Gegründet worden war die Stadt am Bosporus, der „Rinderfurt“, schon unter dem Griechen Byzas als Kolonie der antiken Megarer. Nachdem Sultan Mehmet Fatih (“Der Eroberer“, „Öffner“ für den Islam) die Stadt erstürmt hatte, betrat er selbst die Kirche, verrichtete dort das Ritualgebet und machte sie zur Moschee. Der Fall Konstantinopels ist viele Male geschildert worden. Edward Gibbon, Stefan Zweig, Stephen Runciman und viele andere haben diese Epochenschwelle gedeutet, die alljährlich am Jahrestag der Erstürmung zwischen den Resten der alten byzantinischen Landmauer bei der Kerkoporta von türkischen Laienschauspielern nachgestellt wird.

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